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Auf zu neuen Ufern, auf nach Mazedonien!

Ich bin aufgeregt. Aufgeregt wie ein kleines Kind, das tanzen und singen und lachen will. Sehr gut aufgeregt also. In einer Woche ist es so weit – es geht auf zu neuen Ufern, auf zu neuen Abenteuern. Für zwei Monate werde ich als Praktikantin im mazedonischen Büro der Friedrich Ebert Stiftung in der Hauptstadt Skopje arbeiten. Ich habe fast zwei Jahre am Stück in Deutschland gelebt – es ist mal wieder an der Zeit zu gehen.

Ich habe meine Wohnung mit kyrillischen Buchstaben und mazedonischen Floskeln gepflastert, meine Koffer sind gepackt und die Abschiedsessen und –partys reihen sich aneinander. Ich bin bereit zu gehen!

Aber, und das ist die Frage, die ich so oft höre, warum Mazedonien?

Warum Mazedonien im Winter bei Temperaturen unter -10 Grad?! Ja, das ist eine Frage, die ich gut verstehe, ich frage mich selbst, was mich da geritten hat. Es überrascht mich allerdings kein bisschen, dass mich Mazedonien fasziniert. Ich habe ein Faible für unterschätzte Länder, die bei vielen nicht auf dem Radar sind (oder extrem negative Assoziationen hervorrufen, siehe Polen).

Für diejenigen unter Euch, die sich fragen, wohin mich meine Reise überhaupt bringt: Ich spreche über die Ehemals Jugoslawische Republik Mazedonien, nicht zu verwechseln mit der nördlichsten Provinz Griechenlands, die unglücklicherweise ebenfalls Mazedonien heißt (was Griechenland unter anderem zum Anlass nimmt, die Beitrittsverhandlungen Mazedoniens in die EU zu blockieren). Das Land, das ungefähr die Größe von Mecklenburg-Vorpommern hat, grenzt neben Griechenland außerdem an Albanien, das Kosovo, Serbien und Bulgarien.

Seine Unabhängigkeit von Jugoslawien erklärte Mazedonien bereits 1991 und seitdem befindet es sich in einem ständigen demokratischen Transformationsprozess hin zu einer parlamentarischen Republik. Bis heute ist die Demokratie allerdings von Korruption, mangelnder Rechtsstaatlichkeit und illiberalen Praktiken gekennzeichnet. Um dagegen anzukämpfen wurde 2015 eine Sonderstaatsanwaltschaft (SJO) eingerichtet, deren Leiterinnen drei unbestechliche Powerfrauen sind. Diese werden allerdings – was wenig überrascht – u.a. von Regierungsvertretern bedroht und attackiert, da ihre Untersuchungen und Nachforschungen zu Korruption, Abhöraffären usw. hohe Beamte in unangenehme Situationen bringen. Ich hatte die Ehre, letztes Jahre eine der drei Anwältinnen, Lence Ristoska, zu treffen – eine wirklich inspirierende und beeindruckende Persönlichkeit und eine Heldin für viele (junge) Mazedonierinnen und Mazedonier. In einem Artikel aus dem vergangenen Jahr beschreibt die Deutsche Welle das besondere Trio folgendermaßen: „“[…] it’s especially symbolic that the biggest case in modern Macedonian history is being prosecuted by a trio of women. In the past 10 years, Gruevski and his cronies built a corrupt system based on intimidation and clientelism, but also on limiting women’s rights and promoting machoism, chauvinism, homophobia and anti-feminism.“

In den letzten zwei Jahren gab es unzählige Proteste und Demonstrationen in Mazedonien, insbesondere wird Kritik an exzessiven Staatsausgaben (nicht aber bspw. für Bildung oder Infrastruktur), Korruption und der bereits erwähnten Abhöraffäre geäußert. Letztere triggerte im vergangenen Frühjahr die s.g. “colourful revolution”. In diesen Protesten zeigt sich ein bemerkenswerter Demokratieruck, allerdings ausgehend von der Zivilbevölkerung.

2016 war außerdem das Jahr der nicht-stattfindenden Wahlen, bis letztendlich mit Verspätung und mit Hilfe von EU-Institutionen die Wahlen im Dezember doch abgehalten wurden. Im Ergebnis hat keine der etablierten Parteien eine Mehrheit an Sitzen erreichen können. Das heißt, dass entweder die national-konservative Partei (VRMO-DPMNE) oder die sozialdemokratische Partei gezwungen ist, eine Koalition mit einer albanischen Partei einzugehen.

Albanier stellen eine signifikante Minderheit in Mazedonien, Statistiken von 2002 sprechen von 25%. Allerdings tobt hier ein heftiger demographischer Kampf, da albanische Zähler ihren Anteil bei teilweise bis zu 40% sehen, in Zählungen aber häufig – und durchaus auf beiden Seiten – Personen in das Ergebnis einbezogen werden, die sich überhaupt nicht (und zwar schon lange) im Land befinden. Eine für 2011 angesetzte Volkszählung wurde kurzfristig abgesagt.

Jetzt, nach dieser Wahl, verlangen die albanischen Parteien mehr Rechte. In einer veröffentlichten Resolution verlangen sie bspw. die Anerkennung des Albanischen als offizielle Landessprache. Die Annahme dieser Resolution ist die Voraussetzung für eine mögliche Koalition. Nach wie vor ist die Beziehung zwischen beiden Ethnien angespannt, auch wenn es nicht zu vergleichen ist mit den Spannungen, die 2001 fast zu bürgerkriegsähnlichen Situationen geführt hätte.

Zusätzlich zu den bereits aufgeführten Herausforderungen, leidet Mazedonien an einer sehr schwachen Wirtschaft, fehlenden Investitionen und (besonders im Vergleich zu anderen europäischen Ländern) geringem Lebensstandard.  Die Arbeitslosenzahlen sind sehr hoch, was zu einer Abwanderung junger Menschen ins Ausland führt (einem sogenannten Brain Drain), was natürlich die Wirtschaft nicht gerade ankurbelt.

Die Absurdität mazedonischer Politik führt allerdings hin und wieder zu netten Anekdoten und nicht alle haben etwas damit zu tun, dass Skopje wie ein Mosaik von kopierten Monumenten aus aller Welt wirkt. Mazedonien ist tatsächlich eines der wenigen Länder, die die Republik China, also Taiwan, als das einzig wahre China anerkennen (anstelle der Volksrepublik China). So viel zum Thema Größenwahn. Trotzdem, an mir als Taiwan-Liebhaberin geht das nicht spurlos vorbei.

Das also als Einführung in meine neue „Heimat auf Zeit“. Für mich scheint es das allerbeste Forschungsobjekt zu sein. Aber wer wäre ich, wenn ich nur für die Wissenschaft an einen Ort gehen würde. Wir in Deutschland und in Westeuropa wissen so wenig über den Balkan und über Südosteuropa im Allgemeinen. Dieser kleine „Subkontinent“ scheint so fern zu liegen, dabei fliegt Wizzair für 15€ von Deutschland in alle möglichen Länder. Ich liebe die Region. Die Konflikte verwirren mich zwar und manchmal machen sie mir auch Angst. Aber ich habe selten so viel darüber gelernt, wie Gesellschaften funktionieren oder funktionieren können oder eben auch nicht. Ich glaube, keine Reise hat mir mehr Denkanstöße für und über meine eigene Heimat gegeben, als die Ausflüge auf den Balkan und der Austausch mit Menschen, die uns und unserer Kultur und Denkweise so nah und trotzdem so fern sind.

Aber letztendlich freue ich mich auch vor allem deshalb nach Skopje zu gehen, da sich – von allen Plätzen auf der Welt – ausgerechnet hier eine Riesengruppe von Menschen versammelt, die mir am Herzen liegt. Ich finde das bemerkenswert und ich denke, dass es viel über Mazedonien aussagt. Denn wenn nicht Menschen der Grund für freudige Erwartung und Aufregung sind, dann wüsste ich nicht was.

Zum Weiterlesen:

http://www.dw.com/en/special-prosecution-new-faces-new-hope-in-macedonia/a-19277508

http://www.balkaninsight.com/en/page/macedonia-home

Edition Le Monde: Südosteuropa. Der kleine Subkontinent. Erschienen 2014.

Marie-Janine Calic: Geschichte Jugoslawiens im 20. Jahrhundert. Erschienen 2014 bei C.H. Beck

Intolerance, Prejudice and Discrimination. A European Report“ (von der Friedrich-Ebert-Stiftung, erschienen 2011 und online verfügbar)

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