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Wenn schon Abenteuer, dann richtig!

Ich hatte mir – als erfahrener Auslandshase – einen Plan für meine ersten Tage in Skopje zurechtgelegt. Am Mittwoch würde mein Praktikum beginnen, also würde ich bereits am Samstag ankommen. Ich hätte Zeit, mich zu akklimatisieren, eine SIM- und eine Buskarte zu besorgen und falls ich einen Kälteschock erleiden sollte, dann hätte ich immer noch genug Zeit, diesen zu überwinden und eine eventuelle Erkältung auszukurieren. 

Allerdings kam alles ganz anders.

Erstens wurde ich nicht krank. Zwar fiel in meiner ersten Nacht in Skopje, im freundlichsten Hostel der Stadt (Shanti Hostel), die Zentralheizung aus, aber ich blieb fit. Diese Planänderung war grundsätzlich nicht schlecht.

Zweitens waren die ungeräumten und vereisten Straßen der Stadt dermaßen glatt, dass ich versuchte, meinen Radius auf ein Minimum einzuschränken (also auf die Distanz zwischen Waschraum, Schlafraum und Ofen-Platz im Gemeinschaftsraum). Einmal wagte ich mich in das VERO Center gegenüber um mir eine SIM-Karte zu besorgen, aus der Buskarte dahingegen wurde nichts. Egal, dafür würde ich noch Zeit haben.

Mein Wochenende war unspektakulär und ich sehnte mich danach, dass mein im-Ausland-leben-Abenteuer endlich beginne. Am Montag war es so weit. Ich machte mich zu Fuß auf den Weg zu dem Büro der Friedrich-Ebert-Stiftung, um mich einzurichten, ehe es dann am Mittwoch mit der Arbeit losgehen würde. Nach einer Stunde, in der ich von A nach B nach C nach A gelotst wurde, stieg ich in ein Taxi und erreichte das Büro. Es war ein schöner sonniger Tag und meine Wanderung war begleitet von einem Geräusch, das den Frühling anmeldete: Das Tropfen von schmelzendem Eis auf Metalldächer und das Fließen von Wasserströmen durch rostige Regenrinnen.

Um zwei Uhr war es Zeit für den Bezug meiner Wohnung. Ich hatte Glück gehabt, da eine Kollegin und Bekannte von einer Konferenz ebenfalls nach einer Wohnung suchte. Also hatte ich ihr mein vollstes Vertrauen geschenkt und ihr die Wohnungssuche überlassen. Wir bezogen also unsere Wohnung, zunächst noch ohne Gepäck. Es war nicht besonders schön, etwas dunkel und auch ziemlich kalt, aber wir ließen uns unsere blendende Laune nicht verderben, nahmen die Schlüssel in Empfang und machten uns auf, Freunde der Organisation „Youth Alliance Krusevo“ zu besuchen. Wir tranken Tee, wir lachten, dann aßen wir mal etwas, lachten noch etwas, zwischendrin verfrachteten wir unser Gepäck in die Wohnung – wir waren den ganzen Tag auf Trapp. Es war ein verrückter Tag.

Gegen acht fielen wir müde auf unser Sofa. Es war eisig kalt in der Wohnung, erst die dritte Steckdose funktionierte, um den uralten Heizlüfter einzustecken, die Vermieterin hatte die Wohnung nicht wie versprochen geputzt und es gab nicht einmal einen kleinen Topf, um Teewasser zu kochen. Wir packten uns ein, ich setzte mir eine Mütze auf – wir ließen uns nicht die Laune verderben. Auch nicht, als die Vermieterin uns eröffnete, dass es doch eigentlich kein Internet gebe, wenn wir nicht noch dies und das dazu kauften und auch nicht, als es auch nach einer Stunde in der Wohnung immer noch bitterkalt war.

Letztendlich beschlossen wir, dass es, da es unmöglich war, mehr als den kleinen Fleck vor dem Sofa zu beheizen, das Beste wäre, wenn wir gemeinsam auf dem Ausziehsofa schlafen würden. Wir wollten also das Bett ausklappen, doch so lange wir auch versuchten – es ging nicht. Das Schlafsofa war kaputt. In diesem Moment setzte unser Mental Break Down ein. Wir saßen gemeinsam auf dem kaputten Sofa, bemitleideten uns, während wir vor Kälte zitterten, beklagten unsere Lebensentscheidungen und verfluchten Mazedonien. „Wo waren nur meine Augen, als ich diese Wohnung gemietet habe?“, klagte meine Mitbewohnerin. „Was musst du jetzt nur von Mazedonien denken?!“ Es war aber glücklicherweise zu kalt zum Denken.

Aus der Not heraus und weil wir nicht mehr die Energie hatten, irgendwo anders hinzugehen, fassten wir den Entschluss, uns gemeinsam in das Nebenzimmer zu legen. Wir steckten den Heizlüfter ein, zogen uns alle warmen Klamotten an und versuchten, zu schlafen, was uns mehr recht als schlecht gelang. Alle Stunde stand meine Mitbewohnerin auf, um den uralten, improvisierten Stecker des Heizlüfters ein- bzw. auszustecken und um zu verhindern, dass wir uns und alle unsere Sachen abfackeln würden, auch wenn das sicherlich warm gewesen wäre.

Am Dienstag waren wir völlig durch. Wir verzichteten auf die Dusche, ich erhitzte mir etwas Wasser auf dem Herd (die Vermieterin hatte sich zwischendrin erbarmt und uns einen kleinen Kaffeetopf und 2 Tassen gebracht), um mich damit zu waschen, weil erstens die Dusche zu dreckig war und zweitens der Boiler zu lange brauchte, um Wasser warm zu bekommen. Wir packten alle unsere Sachen wieder ein und telefonierten und schrieben wie wild durch die Gegend, um eine alternative Bleibe zu bekommen.

Glücklicherweise haben sowohl meine Mitbewohnerin als auch ich öfters mal das Gefühl, mit unserem wilden Leben in einem Film zu leben. Filme aber, die haben bekanntlich Happy Ends. Und abgesehen davon, dass wir bereits am Tag davor unglaublich viel Unterstützung von allen Seiten erfahren haben, so setzte es sich an diesem Tag fort. Lange Rede kurzer Sinn, abends um sieben waren wir – völlig geschafft, aber glücklich – in einer neuen Wohnung, gerade renoviert, mit Zentralheizung und eine Minute von unserem Büro entfernt. Unser jetziger Vermieter ist keine zwielichte Gestalt, die ihre Sonnenbrille nie abnimmt (wie die vorherige Vermieterin), sondern ein entzückender, älterer Herr mit einem Gesicht voller Lachfalten, der mich mit charmanten, deutschen Floskeln um den Finger wickelte. In unserem Treppenhaus führen Blumentöpfe bis zu unserer Haustür und drinnen leuchtet das Licht durch viele Fenster. Von unserem Balkon blicken wir über die kleinen Straßen unserer Nachbarschaft, in denen man sich fantastisch verlaufen kann und nachts strahlt das Millenium Cross durch die Dunkelheit.

Ich bin heute krank, mir kratzt der Hals und ich sehe etwas schwammig, aber so ist das eben mit Plänen, es kommt immer anders. Ich auf jeden Fall weiß, dass ich das nächste Mal vorsichtig sein sollte, bevor ich nach Abenteuer krähe, am Ende bekommt man nämlich in 24 Stunden mehr Abenteuer, als einem in einer Woche gut täte.

Unser Quote of the Day…

Good judgement comes from experience. Experience comes from poor judgement.

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