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Ein Monat und ein bisschen Verdrossenheit

Während sich Mazedonien schwer damit tut, zwei Monate nach den vorangegangenen Parlamentswahlen eine Regierung zu bilden und jeden Tag Artikel mit Überschriften wie „Macedonia in Crisis“ meinen Facebook-Feed mit Drama füttern, sitze ich in meinen Mittagspausen etwas lethargisch in der Sonne und kräusel die Stirn. 

Ich bin ohne Zweifel in Mazedonien angekommen, das war leichter als gedacht, aber nach einem Monat im Land verarbeite ich derzeit einen kleinen Moment der Kulturverdrossenheit.

Ich würde es nicht Kulturschock nennen, das ginge viel zu weit. Ich bin nicht geschockt – ich glaube mich schockt hier nichts mehr – und ich bin auch nicht verzweifelt, heimwehkrank oder voller Ablehnung gegenüber Land und Leuten. Ich bin allenfalls ein bisschen missmutig.

Kulturschock, Kulturverdrossenheit oder gar nichts mit Kultur?

Es gibt die, unter Globetrottern allbekannte, U-Kurve des Kulturschocks, ein Begriff, der von der Anthropologin Cora DuBois geprägt wurde. Menschen, die ins Ausland ziehen, erleben demnach zunächst eine rosarote „Honeymoon-Phase“, auf die dann ein Einbruch der Emotionen folgt – der Kulturschock, ein absolutes Tief. Da arbeitet man sich dann langsam heraus, bis man sich irgendwann angepasst hat.

Ich weiß nicht, ob es zu Kulturverdrossenheit auch Graphen und wissenschaftlich fundierte Konzepte gibt. Ich habe aber das Gefühl, dass dies meine persönliche Emotionslage um einiges besser beschreiben würde. Oder hat meine Frustration am Ende doch gar nichts mit Kultur zu tun? Also eine Einführung, am Beispiel konkreter Erfahrungen:

Stufe 1: Ankunft.  Ich steige aus dem Flugzeug, am Flughafen wartet jemand auf mich, den ich kenne. Ich bleibe die ersten Nächte in dem Hostel, das ich auch kenne. Alle möglichen Leute versprechen mir alle möglichen coole Dinge. „Easy“, denke ich. „Wann geht denn das Abenteuer los?“

Stufe 2: Das Abenteuer beginnt. Dafür, dass ich mich in Europa befinde, laufen die Dinge doch ziemlich anders. Wohnungen sind entweder zu kalt (keine Heizung) oder zu warm (Zentralheizung), mit Recht und Ordnung hat man es hier nicht so und außerdem sind die Bettdecken komisch. Die Luftverschmutzung ist so hoch, dass ich kaum die Wohnung verlassen kann. Vor meinem Fenster nur eine graue Suppe, wo eigentlich der Blick auf Berge fallen sollte.“Was für ein Mist“, denke ich. „Wer zur Hölle will denn bitte Abenteuer? Ich will zu meiner Küche!“

Stufe 3: Ich lebe mich ein. Ich lerne jeden Tag neue Menschen kennen. Alle sind begeistert – ich bin Deutsche, aufregend. Die Menschen um mich herum sind smart und politisch richtig aktiv, ich bin im Himmel. Meine Mitbewohnerin ist die coolste Frau auf der Welt, meine Kollegen sind super, ich habe noch dazu einen richtig guten Freund vor Ort und wenn man es genau nimmt, dann ist der Ofen in meiner Wohnung gar nicht soo übel – Butterkekse kriegt er hin. Alles in voll von Cafés. Ich messe den Lebenswert einer Stadt an der Café-Dichte, Skopje ist definitv weit oben auf meiner Liste. Mazedonien ist zwar disfunktional auf vielen Ebenen, Politik und Wirtschaft sind zum Kopfschütteln, aber who cares? Man sollte eine Kultur nicht an dem politischen System bemessen, das wäre nicht fair. Euphorie pur, ich sehe in allem das Potential. Außerdem kommt die Sonne raus, es wird Frühling. Geil!

Stufe 4: Kulturverdrossenheit. Here we are. Die Sonne scheint immer noch, meine Mitbewohnerin ist die coolste Frau und so weiter, alles gut. Ich habe mich eingelebt, ich weiß wo ich was kriege. Ich kann auf Mazedonisch überleben. Die Leute, die wirklich verlässlich sind, sind von ihren Landsleuten nicht immer unbedingt begeistert und ich meine zu begreifen, wieso. Die meisten coolen Dinge, die mir versprochen wurden, sind noch nicht passiert. Als Deutsche in einem Land zu sein, wo Absprachen nicht sooo verbindlich sind, ist nicht so cool. Ich merke, woher der Mangel an Vertrauen kommt, der sich durch alle Ebenen der Gesellschaft zieht – ich kann es niemandem übel nehmen. Ich sitze in der Sonne und runzle die Stirn, Männer gehen vorbei und starren, immerhin quatschen sie einen tags nicht an.

Stufe 5: Weiter geht’s! Ich gehe nach Hause und backe, stellt sich raus – Cupcakes gehen auch in dem Ofen, wenn man sich nicht an die vorgeschlagene Backzeit hält, sondern durch die Scheibe lukt. Die Sonne ist echt fantastisch und das Ende Februar – ich brauche nicht einmal eine Jacke. Ich bleibe etwas misstrauisch, mir wurde gesagt das sei wichtig. Aber das kann ja eh nicht schaden. Letztendlich geht es hierbei doch sowieso weniger um Mazedonien, als um Menschen ganz im Allgemeinen. Kann ich behaupten, Menschen hier seien mehr oder weniger verlässlich als Menschen in Deutschland? Noch dazu nach einem Monat? Ich bezweifle es. Mein Stirnrunzeln hat weniger mit der Kultur zu tun, als mit Persönlichkeiten. Ich konzentriere mich also wieder auf Enthusiasmus und Potential. Ich fuchse mich in die coolen Sachen einfach selbst rein und umgebe mich mit weniger Leuten, als zu Beginn – aber dafür sind diese Leute super. Richtig super. Hier geht es mir gut, hier bleibe ich.

Und wer weiß, vielleicht schaffen die sozialdemokratische Partei (SDSM) und die Demkratische Albanische Union für Integration (DUI) es ja tatsächlich wie angekündigt eine Regierung zu bilden – zum Trotz der ebenfalls angekündigten Proteste der konservativen Partei. Es bleibt spannend!

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