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All in oder all out? Auf dem Balkan über Europa lernen.

Ich bin eine junge Deutsche, die sich aus freien Stücken dazu entschlossen hat, in Mazedonien zu leben. „Aber warum?!“ Ich höre diese Frage jedes Mal, wenn ich eine neue Bekanntschaft schließe. Die jungen Menschen, die ich treffe, wollen weg. Das Leben in Mazedonien strengt sie an, es nimmt ihnen ihre Energie und ihre Lebensfreude.

Eine Jugendstudie der Friedrich-Ebert-Stiftung hat herausgefunden, dass knapp 52% aller junger Menschen im Land die Absicht haben, ins Ausland zu gehen. Ich begegne selten einer Person, die nicht weg will. Weil sich nichts zu verändern scheint, weil kein Raum für Kreativität da ist und weil immerzu die Rede von Krise, von Korruption und von Geklüngel ist.

Ich spreche mit jungen Menschen und sie verstehen nicht, warum ich freiwillig Deutschland verlasse. Von allen Ländern, ausgerechnet Deutschland. Das Land, in dem alles fantastisch ist und immer fantastisch war und wohl immer fantastisch sein wird.

Die ersten, die – trotz aller berechtigter Kritik – gerne in Mazedonien sind, sind zwei Geschwister, die als Kinder in Deutschland gelebt und vor allem „Kälte“ und Ablehnung erfahren haben, ehe sie wieder nach Mazedonien abgeschoben wurden.

Das letzte Mal, als ich einen Text veröffentlicht habe, wo ich die harsche Kritik und negative Wahrnehmung junger Mazedonier an ihrem Heimatland aufgegriffen habe, war die Rückmeldung gemischt. Einige fanden die Darstellung ganz genau richtig und spannend, einige fanden es bedauerlich, dass sie selbst zu diesem negativen Bild beigetragen haben – und einige entblößten den Patrioten oder die Patriotin, die in ihnen schlummert und fanden den Text unmöglich.

Ich möchte Mazedonien und die Menschen, die hier leben, nicht kritisieren und vor allem möchte ich mir nicht anmaßen, über richtig und falsch zu urteilen. Ich bin hier, weil ich es gewählt habe. Warum aber? Warum bin ich hier und warum bin ich etwas wehmütig, dass ich nur noch einen Monat hier sein werde?

Eine Deutsche in Mazedonien

Eines vorweg: Ich bin eine Deutsche in Mazedonien. Das heißt, ich bin nicht hier aufgewachsen. Meine Familie ist nicht von der Geschichte Jugoslawiens betroffen und/ oder traumatisiert. Ich wachse nicht mit dem Gefühl oder dem Wissen auf, dass meine Zukunft von egoistischen Männern verspielt wird, die sich die Finger nach Macht und Geld lecken und die gänzlich unberührt davon bleiben, dass sie ihr Land, das ihnen angeblich so sehr am Herzen liegt, an den Abgrund regieren. Ich bin nicht in einer Atmosphäre aufgewachsen, in der ständig das Wort „Krise“ durch die Luft schwebt und wo es einen Unterschied macht, welcher Ethnie ich angehöre. Ich weiß, dass ich eine Arbeit finden werde, die mir Spaß macht. Ich weiß, dass mir mein Studium dabei helfen wird. Jederzeit, wenn mir der Balkan einfach ein bisschen zu viel wird, kann ich in meine kleine Heimatstadt fahren, wo die Welt noch in Ordnung ist und Energie tanken.

Ich bin eine neugierige junge Frau und ich bin zum Lernen in Mazedonien. Damit ich nicht glaube, was Vorurteile und Stereotype mir daheim in Deutschland über die Region erzählen wollen. Ich bin zum Beobachten und Zuhören und Fragenstellen hier. Und ich liebe das Beobachten und Zuhören und das Fragestellen, also bin ich gerne hier.

Deutschland, der Oberstreber 

In den letzten Jahrzehnten hat Deutschland eine beeindruckende Entwicklung an den Tag gelegt. Als die Kriegstreiber des 20. Jahrhunderts langsam ausstarben und wir von der internationalen Unterstützung so weit profitiert hatten, dass wir das deutsche Wirtschaftswunder darauf aufbauen konnten, eingebettet in die Anfänge der Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft, haben wir es durch einen (fast) fortwährend kritischen und recht offenen Umgang mit unserer Geschichte geschafft zu einem wirtschaftlich starken, international angesehenen und weltoffenen Land zu werden. Aber bei alledem haben wir uns auch eine unangenehme Haltung angewöhnt: Die Haltung, dass wir allen sagen können, wo es lang geht. Wir sind der Streber, der alles richtig gemacht hat – Banalitäten wir den fantastischen Ertrag durch Waffenexporte kann man ja mal übersehen – und der jetzt daraus das Recht ableitet,  Oberlehrer zu spielen.

Ich denke durchaus, dass Deutschland gute Werte und Kultur zu exportieren hat: Willkommenskultur gegenüber Flüchtlingen zum Beispiel, die aber auch nach den miesen Tricks der letzten Jahre (Dublin-Verfahren, Hängenlassen von Griechenland, Kürzung von Entwicklungsgeldern für Flüchtlingslager im Mittleren Osten) nur angemessen ist. Unsere Demokratie ist ganz ansehnlich, auch wenn sie von rechts in Frage und auf die Probe gestellt wird. Unsere Umweltpolitik ist noch besser und auch unser Bildungssystem kann sich sehen lassen. Frauen sind recht gleichberechtigt, Männer können auch mal Vollzeitpapi sein und unser Reisepass ist ein Tor zur Welt. Wo immer ich reise, bin ich umgeben von Deutschen, auf der Suche nach der sagenumwobenen authentischen Erfahrung der Welt, sei es im Urlaub, beim Backpacken, als Freiwilligendienst oder für die Ausbildung. Unser Sozialsystem ermöglicht zwar keinen Weg aus der Misere, aber immerhin kriegt jeder was. Unsere Arbeitslosenzahlen sind gering und der grundsätzliche Lebensstandard hoch. Wir sind überzeugte Europäerinnen und Europäer. Deutschland ist bei weitem nicht so perfekt, wie es immer vorgibt. Aber was mich  nicht stört ist Deutschland, sondern, wie gesagt, die deutsche Haltung.

Warum hole ich so weit aus?

Den Beitrag, den Deutschland zur Veränderung in Mazedonien leistet, schätzen viele meiner Bekannten. „Wir brauchen die Unterstützung!“, sagen sie. Ich finde es auch gut, vor allem wenn es darum geht, progressive Kräfte vor Ort zu unterstützen, sei es um das Bildungssystem zu reformieren, gegen Ungleichheiten und Diskriminierung vorzugehen oder Korruption zu bekämpfen. Ich glaube, wir machen das hier ganz gut, sei es von Seiten deutscher Organisationen und Stiftungen wie der Friedrich-Ebert-Stiftung, die grundsätzlich auf lokale Expertinnen und Experten zurückgreift, oder von Seiten der deutschen Botschaft mit ihren beeindruckenden Botschafterinnen der letzten Jahre. Ich glaube aber auch, dass die meisten Mazedonier und Albaner, die hier leben, diesen Prozess nicht auf Augenhöhe erleben. Nationalistinnen und Nationalisten fühlen sich in ihrem Stolz gekränkt und viele Aktivistinnen und Aktivisten haben das Gefühl, dass sie nur durch die Akteure aus dem Westen etwas erreichen können.

Ich bin auch deshalb hier, weil ich den Spieß umdrehen möchte. Ich bin der nicht-enden-wollenden Diskussionen müde, die der Frage nachgehen, wie „europäische“ Werte nach Südosteuropa gebracht werden können, ohne zu merken, wie unlogisch diese Forderung in sich ist – und wie abwertend gegenüber einer ganzen Region Europas. Selten wird darauf geblickt, welche Werte es vor Ort gibt – oder welche es gab, ehe Instabilität und Unsicherheit sie in den Hintergrund drängten, aber die nur auf Wiederbelebung warten. „I know my people, nothing good will ever come from them“, klagte eine junge Frau nach ein paar Gläsern Wein. „They are lazy and they will always be.“

Schlechtes Genmaterial als Grund für Instabilität auf dem Balkan? Wohl kaum. 

Ich glaube nicht, dass Faulheit im Genmaterial eines Volkes liegt. Das ist ein mieses Gerücht, das irgendwelche rassistischen, nationalistischen Chauvinisten in die Welt gesetzt haben, um ganze Völker degradieren zu können. Wahrscheinlich leben Menschen in sonnigen Gegenden gemütlicher, weil sie sich nicht in finsteren Monaten mit Arbeit von ihrer Winterdepression ablenken müssen. Aber die prekäre Lage der Länder auf dem Balkan hat sicherlich mehr mit allgegenwärtigen Ungleichheiten und der Gier einzelner, leider erfolgreicher, Individuen zu tun, als mit dem Wesen der Menschen hier, die ich als sehr herzlich und freundlich erlebe.

Jeder warnt mich, dass ich vorsichtig sein muss, wem ich vertraue und dass ich immer kritisch bleiben sollte. Das ist keine gute Grundlage für eine Gesellschaft, noch dazu eine, die so sehr auf Geselligkeit beruht wie hier. Aber es bringt auch nichts, wenn wir Deutschen kommen und sagen: „Jetzt vertraut euch doch mal.“ Schön wär’s.

„Es liegt alles am Geld“, erklärt mir eine kluge junge Frau. „Alle Probleme bei uns haben damit zu tun.“

Und immer wieder geht es um Geld… 

Wo ist das anders? Kapitalismus, eingebettet in das neoliberale System moderner Staaten, eignet sich herzlich wenig um vertrauensvolle, gleichberechtigte und glückliche Staaten zu schaffen, vor allem wenn diese in autoritärer Hand liegen. Das Problem sind nicht die Menschen in Mazedonien oder in irgeneinem anderen Land auf dem Balkan, so viel Urteil will ich mir erlauben. Nationalismus, Misstrauen und tägliche Tricksereien sind nur die Symptome eines kaputten Systems. Und das System is nicht nur hier kaputt, es bröckelt überall in Europa.

Es ist jetzt also mal an der Zeit, dass sich etwas ändert. Wir sollten das zum Anlass nehmen, in Deutschland und in Westeuropa die Länder des Balkans ernst zu nehmen, das heißt ja nicht, dass man ihren korrupten Eliten alles durchgehen lässt. Wenn vielleicht auch nicht mit stoischen, konservativen Regierungschefs, so sollten wir alle uns bemühen, einen Dialog auf Augenhöhe mit der Bevölkerung zu führen, von Mensch zu Mensch. Wenn wir mit der Haltung herkommen, zu lernen und nicht zu belehren, dann wird es uns vielleicht in einigen Jahren gelingen, gemeinsam Lösungen zu finden für dieses neue System, das wir schaffen wollen. Das wird nicht leicht und es ist auch nicht der eine Zaubertrick, der die Region mit einem Schnipsen stabilisiert. Aber dennoch ist dieser Schritt unvermeidbar.

Denn wenn mit eines wirklich wichtig ist, dann ist das ein gleichberechtigtes Europa. Und dafür brauchen wir den Balkan. Hier heißt es entweder all in  oder all out. Und all out wäre ein Alptraum, den niemand Vernünftiges herbeisehnen kann.

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