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Selbst ist die Frau: Von Skopje nach Marseille

Die Idee kam mir noch bevor ich nach Mazedonien zog: Im Anschluss an mein Praktikum würde ich meine Siebensachen packen und für drei Wochen von Skopje nach Marseille backpacken. Ich würde meinem Freund alle meine Winterkleidung mitgeben, wenn er mich besuchen käme, damit ich nicht so viel Zeugs zu schleppen habe und mit meinem Rucksack auf dem Rücken und in bester Gesellschaft meiner selbst würde ich meine Route entlang von Freunden und sehenswerten Orten planen.

So weit, so gut. Die Idee war fantastisch. Sie hat nur einen kleinen Haken: mein Plan, mit einem kleinen und einem großen Rucksack unterwegs zu sein, ging nicht auf. Ich hätte das ahnen können. Es gibt ein ungeschriebenes Gesetz und das besagt, dass man am Ende eines Auslandsaufenthaltes grundsätzlich zu viel Gepäck hat.

Es war also eine großartige Idee – allerdings backpackt es sich nicht soo gut mit einem großen Rucksack, an dem an allen erdenklichen Seiten, Taschen und Laschen Tüten, Jacken, Schuhe und  ein Hut klemmen; und mit einem kleinen Rucksack, an dem vorne noch ein Kissen hängt und der knapp 20kg wiegt – und dazu mit einer unhandlichen Tasche, die mal weiß war, aber inzwischen beige-grau ist und die jederzeit droht, zu platzen. Ich sehe nicht aus wie eine Rucksackreisende, sondern wie einer junge Frau, die auf die Straße gesetzt wurde.

Also versuche ich, wann immer ich einige Meter laufe, meinen Rücken gerade zu halten und möglichst glücklich auszusehen, um mir wenigstens meine Würde zu bewahren.

Aber alles in allem ist es gar nicht so dramatisch. Mein ganzer Körper tut weh und das heißt, dass ich Muskeln bekomme, was schön ist. Ich lerne unglaublich viele Menschen auf der Straße kennen, die mich für eine kleine Pause auf einen Kaffee einladen oder mir mitleidig meine Tasche abnehmen (oder denen ich meine Tasche aufdrücke, ehe ich am Straßenrand zusammenbreche). Aber wie gesagt, so dramatisch ist es nicht, ich kann gut und locker 500 Meter laufen, ehe ich Atemnot bekomme und mehr musste ich bisher bepackt nicht bewältigen. Außerdem ist das Wetter traumhaft und sonnig. Darüber hinaus bekomme ich anerkennende Blicke, weil ich so stark bin, ich erlebe also einen ganz persönlichen Pippi-Langstrumpf-Moment und das fühlt sich gut an.

Ohnehin fühlt es sich gut an, alleine unterwegs zu sein. „Hast du keine Angst?“, habe ich in den letzten Tagen ein paar Mal gehört. Hell no! Wenn ich vor irgendetwas Angst hätte, dann davor, dass mich irgendwann das Reisefieber verlässt und ich auf dem Sofa verstaube.

Ich hatte an den Grenzen ein bisschen Bammel, dass mein Perso nicht als Einreisedokument akzeptiert wird und manchmal, wenn die Kurven besonders scharf und der Fahrstil des Busfahrers besonders rabiat wurden, bekam ich ein flaues Gefühl im Magen und hatte Panik mich auf den Nachbarsitz zu übergeben. Aber Angst davor, dass mir etwas zustoßen würde? Kein bisschen.

Ich kam, um ein Beispiel zu geben, abends um halb zehn in Mitrovica an, im Norden des Kosovo. Mitrovica hat noch viel mit ethnischen Konflikten zu kämpfen und in Mazedonien erzählte man mir Schauermärchen über die geteilte Stadt. Ich kam also an, es war dunkel, einige alte Männer saßen vor einer Moschee, aber die meisten saßen bei einem Bier oder Tee oder Kaffee in Cafés, wie Männer auf dem Balkan das so machen. Der Busfahrer wechselte ein paar Worte auf Deutsch mit mir ehe er abfuhr und ich stapfte 200 Meter geradeaus, lud meine Sachen auf eine Parkbank und wollte eben meine ortsansässige Freundin kontaktieren, als mich, ganz schüchtern und mit einem großen Meter Sicherheitsabstand ein junger Mann ansprach, ob er mir helfen könne? Klar konnte er, ich rief meine Freundin von seinem Handy an. Er hatte mich im Bus schon gesehen, aber wollte mich nicht ansprechen, um mich nicht zu erschrecken. Er entschuldigte sich, falls er mich erschreckt habe. „Keine Sorge“, sagte ich. „Ich bin eine junge Frau, die mit viel zu viel Gepäck allein auf dem Balkan reist. Ich erschrecke nicht so schnell.“ (Es sei denn, jemand stippt mich von hinten auf die Schulter oder sagt „Buh“, dann kriege ich fast einen Herzinfarkt, aber dazu muss ich nicht mit Gepäck, das fast meinem eigenen Körpergewicht entspricht durch Ex-Jugoslawien reisen). Ich habe also keine Angst, hier die nächste Frage:

„Macht es deinem Freund nichts aus, dass du alleine unterwegs bist?“ Was für eine Frage. Natürlich macht es ihm was aus. Ich schicke ihm jeden Tag Fotos und Videos von der Adriaküste, während der arme Kerl in den letzten Zügen seiner Bachelorarbeit hängt, das ist nicht sehr aufmerksam von mir. Aber es macht ihm nichts aus, dass ich allein unterwegs bin. Das ist auch gut so, denn ich bin eine Frau in Bewegung und nur wenn er mitspielt, bewege ich mich immer wieder voller Begeisterung zu ihm zurück und plane unsere gemeinsame Rückkehr an paradisische Orte, während die Adriaküste vor meinem Busfenster an mir vorbei rauscht.

„Und was sagen deine Eltern dazu?“ Ich glaube, die finden das gut, auch wenn sie natürlich immer glücklich sind, mich von Zeit zu Zeit daheim zu haben. Und sie müssen ja von den besonders waghalsigen Abenteuern nicht vorher erfahren.

Alleine zu reisen ist fantastisch. Mit sich allein zu sein ist – auf jeden Fall für mich – eine wichtige Erfahrung. Ich bin in den letzten Tagen nicht vielen Frauen begegnet und insgesamt nur einer alleinreisenden Frau. Das ist gemessen an den Menschen, die mir begegnet sind eine recht ernüchternde Anzahl.

Es gibt noch zu viele Faktoren, die (junge) Frauen davon abhalten, allein zu reisen. Wie bei so vielen Dingen, bei denen man Frauen ausreden möchte, Spaß zu haben, wird gesagt, man wolle die Frauen doch nur schützen.

Alright, machen wir es also auf die sichere Tour: Die Adriaküste bietet sich an. Städtetrips in jedes EU-Land bieten sich an. Wandern in Irland oder in Polen oder sonstwo bietet sich an. Man muss ja nicht gleich beweisen, dass man als Pippi durchgehen kann, sondern kann einfach einen Rucksack mitnehmen. Man muss nicht direkt trampen, sondern kann anfangen, Route und Busse oder Züge sorgfältig zu planen. Man muss nicht direkt couchsurfen, sondern kann sich Hostels suchen. Mit dem richtigen Selbstbewusstsein (das nach jedem Solo Trip einen Boost erfährt) und einem gesunden Bauchgefühl bietet sich alles an und so sehr ich mich über Bewunderung über meinen Mut freue, so sehr würde ich mich freuen, wenn mein kleiner Trip nicht ganz so besonders wäre.

Meine ganze Route: Skopje (MK) – Prishtina (RKS) – Mitrovica (RKS) – Peja (RKS) – Berane (MNE) – Podgorica (MNE) – Budva (MNE) – Kotor (MNE) – Dubrovnik (HRV) – Split (HRV) – Zadar (HRV) – Zagreb (HRV) – Ljubljana (SVN) – Kamnik (SVN) – Venedig (IT) – Bologna (IT) – Vignola (IT) – Florenz (IT) – Nizza (FR) – Marseille (FR)

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