Heimat auf Zeit, Marseille, Frankreich (2017), Unterwegs

Tapetenwechsel: Auf der Suche nach dem Glück in Frankreich

Im Ausland zu leben ist immer immer ein Abenteuer, aber manchmal ist es einfach nicht das Richtige. Wenn alle Stricke reißen, hilft nur noch der letzte Schritt des Notfallprotokolls: Gehen. Es bringt mir und auch sonst niemandem nichts, sich zu quälen, weil ich beweisen möchte, dass ich tough genug bin, um überall mein Glück zu finden – oder verharren kann, wenn ich unglücklich bin. Oder zu bleiben, weil ich Angst habe, dass die Flucht Beweis ist, dass ich einfach nicht mehr in der Lage bin, alleine zu sein. Es gibt für mich dabei nur eine Regel zu beachten: Der direkte Weg nach Hause kommt nicht in Frage. Zu groß ist hier die Gefahr, dass ich mich nur gräme, weil ich ein Abenteuer abgebrochen habe und nun zu Hause sitze und mich langweile. 

Ich wählte diese Exit-Strategie das letzte Mal 2014 in Japan, wo ich von Anfang an nicht gerne lebte, nachdem mein Ex und ich uns getrennt hatten. Im Handumdrehen fand ich fantastische Freunde auf Okinawa, die mich überredeten, länger als geplant zu bleiben und mich bei sich aufnahmen, als wenn wir uns immer gekannt hätten. Anschließend zog ich weiter und verliebte mich auf den ersten Blick in Taiwan und in Taipeh im Besonderen. Mein ganzes Leben wurde auf den Kopf gestellt und ehe ich mich versah, lebte und studierte ich in Taipeh und lernte Chinesisch.

Nun lebe ich in Marseille, wo es mir schier unmöglich ist, Anschluss zu finden und wo die Stadt an meiner Energie, meiner Lebensfreude und meiner Gesundheit zehrt, ohne dass ich genau sagen könnte, wieso.  Ich konnte nicht mehr und zog das letzte Register: Nix wie weg hier. Ich folgte der Einladung einer Freundin nach Bordeaux, und ehe ich mich versah, fand ich mich im 7. Himmel wieder. Bordeaux ist für mich eine der schönsten Städte, die ich bisher besucht habe und ich habe die fantastische Atmosphäre genossen. Mehr dazu aber nicht hier, sondern im Reisebericht.

Ich war in Bordeaux und wusste nach der ersten Stunde – ich war Montagmorgens so früh unterwegs, dass ich der Stadt langsam beim Aufwachen zugucken konnte – dass ich hier glücklich werden kann.

Wenn man einen Ort findet, an dem man mit sich selbst im Reinen ist, dann ist es leicht, dass sich das eigene Glück vermehrt. Das war damals auf Okinawa so und in Taiwan, ich erlebe es immer wieder in Krakau und nun in Bordeaux.

Ich habe das Glück, dass meine Mutter mich mit vielen Weisheiten ausstattete, ehe sie mich liebevoll, aber bestimmt aus dem Nest schubste. Sie gab mir nicht nur Selbstbewusstsein und Lebensfreude mit auf den Weg, sondern auch Sprüche wie diesen: Wo man singt, da lass dich nieder – böse Menschen kennen keine Lieder.

Als ich in Bordeaux war und der Stress der vergangenen Wochen langsam von mir abfiel, setzte ich mich für eine Pause in den Jardin Public. Aus der Ferne sah ich zwei junge Männer im Gras sitzen, zwei Gitarren dabei und eine Flasche Wein – was braucht es mehr zum Glücklichsein? Ich setzte mich ins Gras, nah genug, um sie hören zu können, aber weit genug, dass es nicht komisch wirkte. Die Typen begleiteten sich gegenseitig und sangen Lieder wie „House of the Rising Sun“, die mich an früher und meine Familie erinnerten. Ich wurde von Glück geflutet – und etwas überrumpelt. Ich glaube, ich weinte ein bisschen, als sich alle Anspannung von mir löste.

Schließlich beschloss ich, mit rasendem Herzen, zu den beiden rüber zu gehen. Einfach nur um zu sagen, wie schön ihr Geklimper ist. Aber „einfach so“ ist leicht gesagt. An Alle Euch, die mich kennen und mich manchmal um mein Selbstbewusstsein beneiden: Ich tu nur so. In Momenten wie diesen habe ich tierische, irrationale Panik. Mein Herz schlägt bis zu den Ohren und ich bin zittrig, weil sich in mir die Selbstzweifel jagen und weil ein kleines Teufelchen mich erfolgreich davon überzeugt, dass meine bloße Erscheinung eine wahre Zumutung für meine Gegenüber ist, geschweige denn meine Gesellschaft. Ich übertreibe nicht.

Aber ich bin zum Glück ganz gut darin mir zu sagen: who cares? Ich kann die Flucht ergreifen, die Welt ist groß und ich werde diese Menschen im Zweifelsfall nie wieder sehen. Ich dachte an meine Mama und daran, dass zwei junge Männer, die am hellichten Tag im Park einzig und allein aus Spaß an der Freude „House of the Rising Sun“ spielen, ziemlich coole Typen sein müssen. Ich schlich also hinüber, sprach sie an – auf Französisch noch dazu, aber den Satz hatte ich mir in den letzten zehn Minuten sorgfältig zurecht gelegt – und ehe ich mich versah, hatte ich einen Wein in der Hand, wir sangen gemeinsam Lemon Tree und ich wusste wieder einmal, dass das Leben es gut mit mir meint.

Ich habe Bordeaux nach drei wundervollen Tagen mit viel zu wenig Schlaf wieder verlassen. Es ist gar nicht so schwer, sein Glück zu finden, wenn man sich ins Leben wirft, Blockaden überrennt und Chancen ergreift.

Was ich aber vor allem wieder merken konnte? Wenn man nicht gerade Pech hat, wie ich in Marseille, dann sind die Menschen, denen man offen und interessiert gegenübertritt, fantastische Wegbegleiter und sei es nur für einen Tag. Wenn ich im Park in Bordeaux auf zwei singende Fremde zugehe oder auf der Straße auf Okinawa auf tanzende Studenten, dann mache ich das nicht in der Absicht, Freunde fürs Leben zu finden – aber oft genug, bleiben wir im Kontakt und ein Wiedersehen ist ganz fantastisch.

Das Leben ist wirklich schön – und manchmal sind ein Tapetenwechsel und ein bisschen Courage alles was es braucht, um (wieder) glücklich zu sein.

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