Beobachtungen in Polen, Gesellschaft und Politik, Junge Power

Zeit für neue Gesichter in den Deutsch-Polnischen Beziehungen

Wem an der Zukunft der deutsch-polnischen Beziehung gelegen ist, kommt um junge Menschen nicht mehr herum

Es ist an der Zeit, neue Akteurinnen und Akteure in den deutsch-polnischen Beziehungen einzubinden, damit die Debatte wieder konstruktiv und zukunftsgerichtet geführt werden kann.

Wenn das deutsch-polnische Forum dieses Jahr eines gezeigt hat, dann das, dass einem großen Anteil der entsprechenden Entscheidungsträger (und das ist ganz bewusst in der maskulinen Form gehalten), das Interesse an wirklicher Kooperation schwindet und dass der Blick in die Zukunft zwar vielerorts beschworen, diese Rhetorik jedoch nicht durch Aktionswillen untermauert wird. Deutlich wird dies auch an der mangelnden Integration junger Akteurinnen und Akteure als gleichberechtigte Teilnehmerinnen und Teilnehmer des deutsch-polnischen Gesprächs. Der einerseits sehr gleichgültige, andererseits fast herablassende, bevormundende Umgang mit den wenigen jungen Anwesenden zeigt, dass über Zukunft zwar nachgedacht wird, dass auch kurz das obligatorische Thema „junge Menschen“ abgehakt wird, dass aber an einer wirklich konstruktiven und vielleicht auch komplizierten Auseinandersetzung mit der tatsächlichen Zukunft, die in der Gegenwart und nicht in der Vergangenheit ansetzt, fast Niemandem gelegen ist.

Das ist nun auf keinen Fall rein symptomatisch für die deutsch-polnischen Beziehungen, ganz im Gegenteil. Überall findet sich die Tendenz zu einer strukturellen Ausgrenzung junger Menschen, wenn es um öffentlichkeitswirksame Diskussionen oder Entscheidungen geht. Allerdings scheint es doch für die deutsch-polnischen Beziehungen besonders relevant zu sein, da sich hier die Debatte grundsätzlich um die Vergangenheit dreht und viele in dieser oft schmerzlichen Geschichte gefangen zu sein scheinen. Hier wäre es gut und notwendig, jungen Leuten Raum zu geben, in die Zukunft zu blicken und die deutsch-polnischen Beziehungen grundsätzlich von einer neuen Seite aufzuziehen. Das bedeutet nicht, dass Geschichte vergessen werden solle und dass junge Menschen links und rechts der Oder historisch grundsätzlich unbefangen sind, im Gegenteil. Jedoch rührt ihre Befangenheit häufig nicht von eigenen Erfahrungen, sondern führt weiter, was von einer vorherigen Generation an Vorurteilen, Schmerz, Wut oder auch Gleichgültigkeit und herablassender Abwertung vorgelebt wird. Daraus resultiert im besten Fall ein Aneinandervorbeireden, im schlimmsten Fall eine völlig destruktive Debatte, die sich immer weiter aufschaukelt wie man es sonst nur im eigenwilligen Kampf aus dem Sandkasten kennt.

Das größte Problem dabei ist, dass die meisten Beteiligten, die nicht in das Spektrum „jung“ fallen (das ja zuweilen mit einer Altersgrenze von 40 Jahren abgegrenzt wird), überhaupt keinen Blick dafür haben, welches Potential in der Beteiligung junger Menschen steckt. Besonders deutlich wurde dies dieses Jahr durch den Auftritt der Präsidenten. Nun ist der Kritikpunkt hier weniger, dass auf die Frage nach konkreten Angeboten an junge Menschen nur unkonkrete Schönrednerei kam. Viel kritischer ist zu bewerten, dass es auf die Frage einer jungen Frau, die eindeutig als Teilnehmerin des Deutsch-Polnischen Forums nicht zufällig und von ungefähr als Gast im Auswärtigen Amt war, beiden Präsidenten nicht in den Sinn zu kommen schien, dass ebendiese Person erstens über deutsch-polnische Strukturen bereits bestens informiert sei und zweitens diese Strukturen bereits vollends ausnutze und mitgestalte. Stattdessen wurde dieser jungen Frau in väterlichem Pathos Mut zugesprochen, sich doch selbst einmal mit ihren Ideen einzubringen; sich einfach mal etwas zu trauen. Vielen Dank auch.

Engagierte, junge Menschen im politischen Raum, von denen es viele gibt, sind wahre Meisterinnen und Meister darin, immer wieder an verschlossene Türen zu klopfen, in der Hoffnung, irgendwann Einlass zu finden. Viele verlieren das Interesse daran, sich einzubringen, entmutigt von der Erfahrung, doch nicht zu den wichtigen Entscheidungen zugelassen zu werden. Andere wählen eine alternative Strategie und brechen durch verschlossene Türen – nur um sich dann erstens dem Vorwurf ausgesetzt zu sehen sie seien impulsive, irrationale Unruhestifter  und sich zweitens häufig doch nur im Vorzimmer zu finden, wo sie in ihren eigenen Foren, Seminaren und Konferenzen, Visionen und Policy Paper entwickeln dürfen. Die Ergebnisse werden durch einen Briefschlitz an die wirklich wichtigen Menschen gereicht, die vielleicht sogar als Ehrengast in diesen jungen Formaten vorbeischauen und mit besonderer Ehrfurcht begrüßt werden. Die Visionen, Policy Paper und wirklich innovativen Lösungsansätze verstauben irgendwo auf einem Schreibtisch. Politik und Gesellschaft können nicht allein von jungen Menschen gestaltet werden, doch noch weniger können sie allein von älteren Menschen gestaltet werden, für die „business as usual“ oft attraktiver klingt, als grundlegende Erneuerung.

Das deutsch-polnische Forum 2018 hat gezeigt, dass konstruktive bilaterale Zusammenarbeit dadurch erschwert wird, dass immer wieder alte Konflikte und Verletzungen, seien sie nun konstruiert oder tatsächlich in der Schwere gefühlt, den Diskurs bestimmen. Hier geht es um den Wettbewerb der Deutungshoheit und nicht um gemeinsame Ansätze. Es wird Zeit für eine Generation junger Akteurinnen und Akteure in den deutsch-polnischen Beziehungen, in der nicht jedes Gespräch mit sentimentaler Nostalgie beginnt („…als ich damals das erste Mal die Oder überquerte und in eine andere Welt eintauchte…“), sondern für die das grenzübergreifende Leben Normalität im europäischen Alltag geworden ist. Die den Ansatz vertreten, dass es in der internationalen Politik mehr als einen Gewinner geben kann und dass Kooperation und Zusammenarbeit nicht die Aufgabe der eigenen Identität und Souveränität bedeutet, sondern dass sich daraus für alle Beteiligten neue Möglichkeiten auftun. Für die Patriotismus bedeutet, gerne die Stärken, Traditionen und Eigenheiten des Heimatlandes mit anderen zu teilen und nicht hinter umkämpften Grenzen zu verstecken.  Eine Generation, die sich aus vielen verschiedenen Menschen mit verschiedenen Hintergründen, Schwerpunkten, Glaubensrichtungen, Lebensmodellen und Geschlechtern zusammensetzt und so das Potential mit sich bringt, alte Konflikte durch neue Herangehensweisen und Perspektiven grundsätzlich zu klären. Die wirklich gute Nachricht ist, dass es diese Generation bereits gibt.

Für die Förderung und Einbindung dieser Menschen bedarf es natürlich weiterer, stärkerer finanziellen Unterstützung von bereits bestehenden Strukturen wie beispielsweise dem Deutsch-Polnisch Jugendwerk, aber es braucht auch die gemeinsame Arbeit. Podien müssen diverser werden, ein größeres Spektrum abdecken. Dabei geht es bei Weitem nicht nur um junge Menschen. Frauen sollten nicht nur als Moderatorinnen den Eindruck erwecken, dass es eine Geschlechterbalance in den Gesprächsrunden gibt. Sobald Veranstalter und Veranstalterinnen das Altersspektrum ihrer geladenen Gäste ausweiten, wird es auch automatisch dazu führen, dass mehr Frauen als Gesprächsteilnehmerinnen in Frage kommen. Diese müssen dann auch gleichermaßen eingeladen werden.

Das Fazit, das aus dem deutsch-polnischen Forum gezogen werden muss, ist nicht positiv. Das hat viele Gründe, die in vielen Medienberichten ausführlich ausdiskutiert wurden. Die Dimension der Gleichberechtigung und Beteiligung verschiedener Akteurinnen und Akteure findet kaum Aufmerksamkeit, es wird als Problem wie so oft nicht wahrgenommen. Das muss sich ändern, wenn das kommende deutsch-polnische Forum und die deutsch-polnischen Beziehungen als Ganze nicht dem negativen Trend folgen sollen, der dieses Jahr ganz plakativ auf Podien, in Workshops und in Einzelbeiträgen gesetzt wurde.


Dieser Text wurde in seiner ursprünglichen Form für die Stiftung für Deutsch-Polnische Zusammenarbeit geschrieben.

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