Reisen in Europa, Reiserei, Reiseziele, Über das Reisen, Unterwegs

Gemächlich durch die Nacht, Entertainment am Tag: eine Zugreise durch die Ukraine

Alles, was es zum Slow Travel braucht (auch im Handgepäck: Ein gutes Buch!)

„Slow Travel“ war die Devise für meine Reise durch die Ukraine. Einen ganzen Monat Zeit hatte ich mir genommen, um dieses große und – über Negativschlagzeilen über den Krieg im Osten des Landes hinaus – wenig bekannte Land kennenzulernen. Slow Travel, Zeit zu Reisen, das bedeutet für mich zweierlei: Erstens möchte ich mich nicht von Must-See-Listen unter Druck setzen lassen und auch Zeit dafür haben, ohne Druck oder schlechtes Gewissen einen Tag einfach in einem Café zu verbringen und zu lesen, stricken oder träumen. Zweitens bedeutet slow travel auch bewusst reisen und das bedeutet für mich einen großen Bogen um Flughäfen zu machen. Stattdessen bereiste ich die Ukraine mit dem Zug und das lief wirklich erstaunlich gut.

Ich sage erstaunlich, denn ich hatte mich auf lückenhafte Zugverbindungen wie auf dem Westbalkan oder alte Schienennetze wie im Süden Polens eingestellt. Stattdessen fand ich mich in modernen, mit Unterhaltungsfernsehen und WLAN ausgestatteten Schnellzügen wieder, die mich in Windeseile von einer Stadt in die Nächste brachten und reiste mit zwar altmodischen, aber doch sehr urigen Nachtzügen mit unwiderstehlichem Charme von (in Deutschland) vergangenen Zeiten ruckelnd durch die ukrainische Nacht.

Der Zug, das merkte ich schnell, ist in der Ukraine ein wirklich beliebtes und viel genutztes Verkehrsmittel und gerade die Nachtzüge, mit denen ich reiste, waren berstend voll. In dem Nachtzug von Krakau nach Kyiv, mit dem meine Reise begann, hatte ich für die 19-stündige Reise ein komfortables 2-Bett-Abteil gebucht, in dem ich letztendlich alleine war, da in Polen Nachtzugbetten nur geschlechtergetrennt vermietet werden. Außer mir reisten sonst nur Männer von Krakau nach Lviv oder Kyiv – daher mein Solo-Abteil. Auch innerhalb der Ukraine, wo die Abteile wild gemischt sind, war ich – bis auf eine Schüler*innengruppe mit Betreuer – die einzige junge Frau in meinen Wagonen und wurde mit meinem überdimensionalen Rucksack etwas skeptisch beäugt.

Weil aber die Züge sich einer derartigen Beliebtheit erfreuen, musste ich meine Route etwas mehr planen, als ursprünglich vorgestellt. In meiner Vorstellung wachte ich morgens auf und wenn ich in der Stimmung zur Weiterreise war, dann ging ich zum Bahnhof, holte mir ein Ticket und setzte mich in den Zug. Ich musste aber feststellen, dass das so nicht möglich war (es sei denn, ich wollte den hohen Preis für ein Erste-Klasse-Ticket zahlen – wollte ich nicht). Daher plante ich eine Woche im Voraus und buchte meine Tickets komfortabel online (Link). Ein weiterer Vorteil: ich musste mich nicht mit grimmigen Ticketverkäuferinnen herumschlagen, die gerne das Verkaufsfenster verärgert zudonnerten, wenn sie merkten, dass ich des Russischen oder Ukrainischen nicht mächtig bin und die spöttisch meine hilflos gestammelten Fragen ignorierten. Ein ukrainischer Freund, der mir in Odessa half bei einer ähnlich unsympathischen Verkäuferin mit hochgeföhnten Locken eine Opernkarte zu kaufen, seufzte: „Typisch sowjetische Mentalität“.

Sowjetcharme am Bahnhof von Kharkiv

Die Zugverbindungen im Land sind übrigens insbesondere auf den Strecken fantastisch, die Austragungsorte der Fußballeuropameisterschaft 2012 verbinden – damals wurden Schnellzüge eingeführt. Wie bereits erwähnt, wurden in diesen neuen Zügen auch Monitore mit Unterhaltungsprogramm installiert, die auf ihre Weise so skurril sind, dass sie mich wirklich viele Stunde erfreut haben und Erwähnung verdienen. Während der ganzen Fahrtzeit läuft auf diesen Monitoren ein bisschen Werbung, vor allem aber werden Küchentipps, Beautytutorials, DIY Ideen, süße Tiervideos und Zeichenschule zum Besten gegeben. Ein wilder Ritt durch die Tiefen der Kategorie „Life Hacks“ auf Youtube würde ich dieses Programm beschreiben. Mein Lieblingsprogramm war allerdings die Einführung in die Vielfalt der ukrainischen Trachten.

Ohne Life Hacks reiste ich im Süden oder Westen und hier kann es auch ein bisschen komplizierter werden, Verbindungen zu planen – aber ein bisschen logistisches Kopfzerbrechen macht die Reise ja erst spannend.

Tipps für eine Gute Nacht

Während das Zugfahren tags nicht besonders abenteuerlich ist, ist das Nachtzugfahren doch ein bisschen aufregender. Ich habe nach Kyiv im unteren Bett geschlafen und hatte bei dem alten, schlecht isolierten und minimal schallgedämpften Zug das Gefühl, direkt im Gleisbett zu liegen. Die kommenden Nächte auf der Schiene buchte ich dann das obere Bett (gerade Zahlen im Onlinesystem). Dort schlief ich signifikant besser, nachdem ich meine Angst herunterzufallen, überwunden hatte. Auf „eng“ sollte man sich aber vorbereiten. Ich für meinen Fall finde die Betten eigentlich sehr bequem, nehme aber für maximalen Komfort mein eigenes Reisekissen und eine Schlafmaske mit. Einmal wurde ich nachts davon wach, dass mich der Zugbegleiter sehr rührend mit meiner Überdecke zudeckte, die wohl aus der schmalen Pritschte auf den Boden gefallen war. So viel Zuwendung ließ mich direkt noch besser schlafen.

Natürlich ist es immer Glückssache, wer sich das Abteil mit einem teilt und ich hatte alle Nächte Glück und keine schnarchenden, Bier-trinkenden, bis-in-die-Nacht-laut-telefonierenden Mitfahrer. Einmal teilte ich mir das Abteil mit einem ungefähr 80-jährigen Herren, der zwar allerhand komische Geräusche von sich gab und viel an mir zu kommentieren hatte, aber ich verstand ihn ja nicht, also alles halb so wild. Auch in einem dieser Züge, wo jeder Wagon von einer*einem Zugbegleiter*in betreut wird, begegnete ich einer vollschlanken Dame vom Typ sowjetische Befehlsführerin, die mich wegen allerhand Dinge beschimpfte (und mir u.a. vorwarf, ich hätte das Stück spakigen Stoff, das mir als Handtuch gegeben wurde und das ich im Laufe der Nacht verloren hatte, böswillig geklaut), aber die  drei Kerle in meinem Abteil stellten sich schützend vor mich. Als ihre kleine Rache verwehrte sie mir dann meinen Tee.

Apropos Tee: Im Onlinesystem gibt es die Möglichkeit, ohne Preisaufschlag ein oder manchmal sogar zwei Heißgetränke pro Reise zu buchen und ansonsten hatte ich nie ein Problem, kostenlos Heißwasser für meinen eigenen Tee zu bekommen (nur nach Kyiv wachte ich zu spät auf und das Wasser war bereits alle). Das Angebot von Essen ist dahingegen maximal beschränkt, von daher sollte man auf jeden Fall sein eigenes Frühstück – oder je nach Reisedauer – auch andere Mahlzeiten, Snacks etc. mitbringen.

Eine Herausforderung kann allerdings das Verstauen des Gepäcks sein – mein Rucksack passte grundsätzlich nicht unter die untere Pritsche und stand daher allen Mitreisenden blöd im Weg herum – hier hilft nur freundlich und entschuldigend lächeln. Sobald alle wach sind – denn so eine Reise im Nachtzug kann schon leicht einmal bis in den Nachmittag gehen, werden die Betten geräumt, sodass daraus ganz normale Sitzbänke entstehen. Und da soll noch einmal einer sagen, Schlafzüge seien ineffizient, da sie tags nur überflüssig herum stünden (Deutsche Bahn, das geht an Dich!). In so einem großen Land wie der Ukraine sind Nachtzüge meiner Meinung nach das Sinnvollste Fortbewegungsmittel und ich bin froh, dass ich die Gelegenheit hatte, auf diese Art gemütlich durchs ganze Land zu reisen.

Für dich vielleicht ebenfalls interessant...

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.