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Melting Pot Bosnien & Herzegovina

Bosnien und Herzegowina war für mich leider lange Zeit ein Land, mit dem ich nicht viel außer eines Bürgerkrieges, der für kurze Zeit Thema im Politikunterricht war, in Verbindung bringen konnte. Dementsprechend war ich doppelt erfreut über die Einladung zur International Youth Conference „Mlada Evropa“ in Sarajevo zum Jahrestag des Attentats auf Franz Ferdinand 1914, das als Triggerevent für den Ersten Weltkrieg gilt.

Doch ich möchte hier nicht über die wichtige und interessante Geschichte Bosnien und Herzegowinas schreiben, noch über die spannende Konferenz oder die inspirierenden Menschen und ihre Geschichten, sondern darüber, wie ich das Land in seiner idyllischen Pracht aus meiner Touristinnenperspektive wahrgenommen habe. Doch ganz oberflächig werde ich nicht bleiben, dazu bergen die Geschichte und die sich darauf gründenden Herausforderungen für die Gegenwart zu viel Potential.

Bosnien und Herzegowina. Ein Land, das an den Grenzen der EU in Europa liegt, voller grün bewaldeter Bäume, weiten Wiesen, schroffen Felsen und versteckten Flüssen. Wo in kleinen Städtchen Moscheen neben Kirchen stehen und Kriegsruinen neben Neubauten.

Wo also fange ich an?

Sarajewo. Sarajewo  liegt eingeschlossen in grüne Bergketten, in denen die Häusersiedlungen nach oben hin immer lichter und die Wälder immer dichter werden und von denen man eine traumhafte Sicht auf den Stadtkern, kleine Häuserchen, zusammengeflickte Blocks und lange Minaretts hat, wo sich braun und rauschend der Miljacka-Fluss durch alte und neue Straßen schlängelt.

Im Altstadtkern ein kleines Café an jeder Ecke, in dem kleine Gruppen auf bunten Kissen sitzen, rauchen und Kaffee trinken, während sie die Vorbeigehenden mustern und auf Bosnisch, Serbisch oder Kroatisch über das Leben reden.

 Mitten durch die malerisch anmutende Altstadt, die in mir Erinnerungen an die Türkei weckt, zieht sich ein Bruch. Die Häuser unterscheiden sich in Höhe, Anstrich und Architektur, auf der einen Seite beten Muslime im Hof der Moscheen und auf der anderen Seite warten junge und alte Menschen auf den Stufen einer Kathedrale auf Freunde.

 In Sarajewo treffen die Markthalle, die niedrigen dunkelbraunen Häuser mit kleinen Läden und ausladenden Innenhöfen aus dem Osmanischen Reich auf stuckverzierte Fassaden mehrstöckiger Bauten an weiten Straßen aus der österreichisch-ungarischen Monarchie.

Doch wenngleich die zwei Welten, die sich in Sarajewo begegnen unterschiedlicher nicht sein könnten, so gehen sie doch harmonisch ineinander über. Es schien mir nie einfacher, die Grenze zwischen Ost und West zu überschreiten.

 Der Prunk der Altstadt zieht sich nicht bis in die Vorstadt und auch die hübschen viereckigen Steinhäuser mit den farbenfrohen roten Dächern finden sich nur in den Berghängen. Wie einsame Säulen ragen zerfallene und dürftig geflickte Blocks in einer Farbe noch trister als grau in den Himmel in deren Erdgeschoss verlassene Läden mit blinden Scheiben die Trostlosigkeit noch untermalen. Die Hälfte der Wohnungen ist unbewohnt und auf den vielen Freiflächen parken alte Volkswagen, an denen von Zeit zu Zeit jemand lehnt und rauchend in die Sonne blinzelt.

Die altersschwache Tram ruckelt durch leere Straßen wo Blumenwiesen wild und farbenfroh zwischen und neben den Schienen und in fast sarkastischem Kontrast zu der zerschossenen Trostlosigkeit um zu wachsen.

 Und gerade, wenn betroffen Melancholie fast Überhand gewinnt, rattert die Bahn weiter, vorbei an Gebäuden, in deren verglaster Front sich funkelnd die Sonne spiegelt. DM, H&M und Schilder der Sparkasse strahlen mir glänzend entgegen und die wilden Blumen sind plötzlich in bester Harmonie mit den sorgfältig gepflanzten Rosenbüschen.

Auf den Straßen flanieren hübsche junge Menschen, denen kleine Kinder hinterherlaufen, die bettelnd die Hände ausstrecken. Zurück im Zentrum bleiben nur die schönen Menschen, die eisessend den fantastischen Sommer genießen.

 Soweit also zu der faszinierenden Stadt Sarajewo, die ich schnell lieben gelernt habe, aber nicht verstehen kann. Wo es einfach ist, sonnige Nachmittage und lebendige Nächte auf wunderbarste Weise zu verbringen, sei es sitzend oder schlendernd, trinkend oder bummelnd, allein oder gemeinsam. Sei es mit Kaffee oder Rakija, abends und nachts besonders gut auch mit einer Liveband in einer verrauchten Kneipe im Zentrum.

Hinter den Grenzen Sarajewos erstreckt sich die ländliche Weite Bosnien und Herzegowinas. Mit dem Bus geht es nach Srebrenica. Eine geflickte Asphaltstraße, die nur in den wenigen Dörfern und Kleinstädten von Zeit zu Zeit zweigt, windet sich durch Felsen und Wiesen, überblickt manchmal das ganze Land und bietet Blick auf Häuser und viel ungenutztes Land.

 Am Straßenrand sitzen Kinder, die dem Bus winkend hinterher blicken, laufen Frauen, die schwere Einkäufe durch die Hitze nach Hause tragen und stehen Männer, die mit kleinen Traktoren oder Sensen Felder bearbeiten und Gras zu Haufen aufschichten.

 Der Straßenverlauf wird von Flüssen begleitet, die versteckt unter Bäumen liegen, in deren Ästen sich Plastiktüten und anderer Müll verfangen hat.

 Es ist schwer zu sagen, ob wir durch Dörfer fahren, oder ob die einsamen Häuser nur so für sich herum stehen. Einige sind neu, andere schon bewohnt, aber noch im Bau und immer und immer wieder stehen verlorene Ruinen herum, in deren ausgebombten Räumen inzwischen Büsche wachen und Vögel nesten.

 In der morgendlichen Sonne sieht die Landschaft aus wie die idyllische Kulisse eines alten Films, der ein romantisches Bild vergangener Zeiten auf dem Land zeichnet. Doch romantisch ist das Leben dort sicher nur aus unserer Perspektive durch die verschleierten Scheiben unseres Busses.

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Srebrenica. Es ist unmöglich, über Srebrenica zu sprechen, ohne die Geschichte im Hinterkopf zu haben und ohne an das schreckliche Attentat vor 19 Jahren zu denken. Die Gedenkstätte dazu liegt zwischen Hügeln und Wäldern in Ruhe. Die Atmosphäre in der Sonne ist wunderschön, Vögel zwitschern und im Schatten der Bäume kann ich meinen Gedanken nachgehen. Hier fühle ich besonders eindeutig das paradoxe Gefühl, das mich während meiner Reise in den Balkan nicht loslässt: Das Sein und der Schein wollen nicht wirklich zusammen passen. Ich bin hier auf einem Friedhof, auf dem die Leichen derjenigen geborgen sind, die vor ihrem Tod schreckliche Unmenschlichkeiten erfahren mussten, doch wüsste ich es nicht, könnte es auch einfach ein schöner Platz für ein Picknick in der Mittagssonne sein.

 In der Stadt selbst herrscht Ruhe, doch diese Stille ist beinahe gespenstisch. Srebrenica ist ausgestorben, jedes zweite Haus steht leer. Wir treffen einen jungen Mann, der über die schwierige Situation spricht, dass sich nichts verändert. Kritik zu äußern ist gefährlich, gleicht einem Spaziergang auf einem Minenfeld; aber ohne die Möglichkeit anzusprechen, was sich ändern muss, könne sich nichts ändern. Er klagt über die Leere in der Stadt und über die Leere im Land. Ich habe beinahe ein schlechtes Gewissen, als unser Bus wieder fährt und wir ihn einsam in der Mitte eines großen Platzes neben einem Kiosk, der lange ausgedient hat, stehen lassen.

 Zurück geht es nach Sarajewo, durch die wunderschöne Landschaft. Hier und da stehen vereinzelte Kreuze in Gärten und an Hängen, improvisierte Gräber aus der Kriegszeit. Es kommt mir falsch vor, Bosnien und Herzegowina unreflektiert für die ruhige Pracht der Landschaft zu loben, aber vielleicht ist ein Schnitt notwendig? Vielleicht ist es genau richtig, das Land so zu sehen, wie es daher kommt ohne es immer nur im geschichtlichen Kontext zu sehen?

Unser Hotel liegt in Ilidža, wo bunte Flaggen den Weg von der Straßenbahn durch kleine Cafés zum Innenhof schmücken, schließlich war die Mannschaft aus Bosnien und Herzegowina das erste Mal bei der WM dabei. Nicht weit entfernt liegen der Tunnel, der während des Kriegs vor zwanzig Jahren die Verbindung Sarajewos mit der Außenwelt war und das Hotel, in dem Franz Ferdinand damals residierte, vor hundert Jahren.

Auf einem Markt werden Kleinigkeiten für einige Pfennige angeboten und je nach Wahl Kutschen oder Räder zur Miete. Junge Kinder hängen sich für einige Meter an meinen Rockzipfel, rauchende Männer blicken mir hinterher und junge Frauen zwinkern meinem Begleiter zu. Familien spazieren durch einen Park und alte Frauen stecken auf Parkbänken tuschelnd die Köpfe zusammen.   

Ich fahre mit dem Rad in die Berge, unter Bäumen sitzen Paare auf Banken, das Land links und rechts liegt brach. In einem klaren See, der sich aus einem Gebirgsbach speist, baden junge Männer. Ich fühle mich frei, entspannt, ganz weit weg von jeglicher Hektik oder Stress. Die Menschen umher teilen meine Stimmung und lächeln mich freundlich an, wenn ich vorbeikomme.

Ich beobachte Schildkröten im klaren Wasser und lasse den Blick über Bäume und Sarajewo in der Ferne schweifen, während ich versuche, der brennenden Sonne auszuweichen. Es ist schwer, Bosnien und Herzegowina zu verstehen, es muss kompliziert sein, in einem Land zu leben, in dem die Kriegsspuren allgegenwärtig und doch irgendwie verdrängt sind und in dem sich politisch nichts entwickelt. Aber es ist nicht schwer sich in Bosnien und Herzegowina willkommen und wohl zu fühlen und das ist am Ende doch das, worum es als Touristin geht.

Ich jedenfalls weiß schon jetzt, dass ich zurückkommen werde; diesmal auch, um mehr über Kultur und die offenen und freundlichen Menschen zu erfahren.

 Juli 2014

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