Reisen außerhalb Europas

Okinawa und das Glück im Unglück

Ich habe 4 Tage auf Okinawa, der südlichsten Insel Japans, verbracht. Ich quartierte mich in Naha, der Hauptstadt, bei einem Couchsurfer ein, litt unter meiner Katzenhaarallerge und versuchte, mich vor dem kalten Regen, der vor der Haustür auf mich wartete, zu verkriechen. Dabei war ich allerdings unglaublich produktiv, denn die lockeren Schwingungen, die vom Pazifik in die sorglos-bunte Stadt wehten, versetzten mich in die richtige Stimmung zum Denken und Schreiben.

Nun ist es nicht so, dass ich kein Interesse daran gehabt hätte, Okinawa zu erkundigen, wenngleich Naha auf den ersten Blick nicht mit überwältigender Schönheit oder gar ein bisschen Charme begeistert, doch Wetter (beziehungsweise meine unpassende Garderobe) und die Sorge vor übertouristischem Programm killten meinen Tatendrang und so nutzte ich mein dürftiges Japanisch um Chai Tea Latte mit Sojamilch zu bestellen und von Starbucks‘ WLAN  zu profitieren. Schande auf mein Haupt, aber was will man machen.

Ich hätte gerne die endlos langen, weißen Strände unter Palmen und aufgepeppt von bunten Hibiskusblüten an tieftürkisem Meer bewundert, Sonne hin oder her, aber da ich wahrlich kein großer Fan von organisierten Touren bin, kam ich aus Naha nicht weg und machte mich am Ende meiner Zeit auf den Weg zum Flughafen. Ich fluchte etwas über die Wetterfee, denn als ich in der Monorail über den Dächern Nahas zum Flughafen fuhr, brach die Sonne durch die Wolken und der Himmel strahlte blau über dem funkelnden Meer. Ich versteckte meinen Groll hinter meiner Sonnenbrille und wollte einchecken. Flug gecancelt. Schneesturm in Osaka, Flug unmöglich. Ich entschuldigte mich bei der Wetterfee und konnte nicht anders, als mich zu freuen. Ich war mit meinem Ex-Freund auf Okinawa, frisch getrennt, er hatte mir die Reise zu Weihnachten geschenkt und dann doch mit mir Schluss gemacht. Er kriegte die reinste Krise, denn er würde nicht zu Arbeit können und er habe keinen Schlafplatz und sowieso und überhaupt, aber ich hatte nicht nur nichts, das zurück in Kanazawa auf mich wartete, abgesehen von einer kalten Wohnung und verschneiten Straßen, ich dachte mir auch – warum ärgern oder sorgen, es gibt ja eh nichts, das wir tun könnten.

So zogen wir von dannen, jeder seiner Wege und ich spazierte los, rein in das Touristenparadies, das unter Palmen in der hellen Sonne lag.

Wie der Zufall es wollte, geriet ich mitten in einen Flashmob, der Teil einer Friedensdemo und eines Protests gegen die Basis der US-Military in Okinawa war und bei dem junge Leute zu Abba rockten, dass es eine wahre Freude war.

Ich fragte drei der jungen Tänzer*innen nach dem Anliegen ihrer Aktion. „It’s fun“, sagten sie. „And we love peace.“

Wir kamen ins Gespräch und nach einigem hin und her tauschten wir Namen und verabredeten uns für den Abend, um gemeinsam eine Izakaya, eine japanische Kneipenart, vor Ort auszuprobieren.

Ich schlenderte den Tag herum, stellte fest, dass Naha an sich in der Tat eher praktisch als hübsch bebaut wurde und entdeckte einen wunderschönen chinesischen Garten, in dem die Schildkröten, die ihre Köpfe aus dem grünen Wasser in die Sonne streckten, lächelnde Erinnerungen an Taipei weckten und in dem ich mein Japanisch zum Besten geben konnte, da ein charmantes Pärchen ein Foto von mir mit meinem in Stein gemeißelten Geburtsjahrestier (Hahn) machen wollte – mit meiner Kamera wohlgemerkt, da dies Glück bringe.

Ich bewunderte einen Schrein und das endlos grüne Meer und endete am Ende doch wieder schreibend im Starbucks (nicht ohne vorher festzustellen, dass vom Brötchen bis zum Fischfilet bei Burger King alles frisch ist), ehe ich von einer neuen Freundin eingesammelt wurde.

Und ehe ich mich versehe habe ich es wieder geschafft, alle Touristenpfade zu verlassen und mich ganz in die kundigen Hände der jungen Erwachsenen von Okinawa zu begeben.

Es begann alles an sich ganz harmlos. Ein Haufen junger Studierende und ich saßen in einem japanischen Restaurant an einem niedrigen Tisch – all you can eat, all you can drink. Wir lernten uns kennen, tauschten uns aus, sprachen über Japan, Okinawa und die US Military, über Europa, über Deutschland, über Verantwortung für die Vergangenheit und die Möglichkeiten der Gegenwart, über Identität und Individualismus.

Ich hatte den Eindruck schon bekommen, während ich durch Nahas Straßen geschlendert war, doch mir schienen in Gegenwart dieser jungen Menschen noch viel mehr die Okinawa-Menschen so ganz anders zu sein als die „Mainland-Japaner“. Unangepasster, Ausgelassener, Authentischer. Gepierct, Gebatikt und voller Energie. Auch offener, freundlicher und irgendwie unbefangener – wenngleich sie doch diejenigen mit den Militärs vor der Haustür sind.

„Das liegt an der Sonne, die uns das ganze Jahr durch auf den Kopf knallt, die hat uns alle ein bisschen verrückt gemacht“, erklärte mir eine junge Frau  todernst und kaute auf einer Kartoffelspalte herum. „Außerdem kennen wir Ausländer, wir haben ja die ganzen Amis hier. Und die ganzen Japaner.“ Die Gruppe lachte. „Seid ihr denn keine Japaner?“, fragte ich. „Wir sind ein bisschen beides. Unser Land ist Japan, aber unsere Kultur ist Okinawa.“

Je mehr Zeit ich mit diesen grandiosen Leuten verbrachte, mit ihnen aß, trank, redete, lachte, sang, spielte, desto mehr wollte ich lernen und wissen. „Warum bleibst du nicht noch ein bisschen?“, fragten sie mich. Ich überlegte und überlegte – und konnte mir keinen Grund abringen. Also fällte ich die Entscheidung zu bleiben – you only live once, right?

Die Aufregung drückte mir auf die Blase und als ich vom Klo kam, brachte ein Kellner einen Kuchen mit 2 Kerzen und einem Schild „Welcome to Okinawa“ und alle jubelten, klatschten, lachten. Am lautesten wohl ich.

Ich bin gespannt, was die nächsten Tage, in denen ich zwischen Häusern, Städten und Betten rotiere, bringen. Ein Roadtrip an die malerischen Strände des Nordens ist geplant, Karaoke, Tanz und Okinawa Cuisine. Eine Houseparty, ein Grillabend und viel Zeit, um einfach zusammen zu sitzen, die Gitarre und die Ukulele rauszuholen, zu reden, zu lachen und sich über Dinge auszutauschen, die wir gemeinsam haben oder in denen unsere Erfahrungen, Vorstellungen und Meinungen auseinander gehen.

Menschen mögen mir vielerlei Komplimente machen, aber nichts pflegt die Seele und das Selbstwertgefühl so nachhaltig und tief wie offene Arme.

Vor einigen Tagen noch habe ich über die Unüberwindbarkeit des japanischen „Innern“ beklagt und darüber gejammert, dass ich als Ausländerin immer eine Fremde bliebe und heute bin ich mitten drin im engsten Kreis der Gleichaltrigen von Okinawa.

Und warum? Weil all diese Menschen wissen, dass ihnen genau das Gleiche wiederfahren würde, wären sie mir in Europa in die Arme gelaufen. Denn alles was wir wollen, ist Spaß, Abenteur und Peace. We love Peace.

Februar 2014

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1 Kommentar

  1. […] nachdem mein Ex und ich uns getrennt hatten. Im Handumdrehen fand ich fantastische Freunde auf Okinawa, die mich überredeten, länger als geplant zu bleiben und mich bei sich aufnahmen, als wenn wir […]

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