Europa und EU, Gesellschaft und Politik, Westbalkan und EU

Schubladendenken: der Balkan als Erfindung

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„Ich kann es nicht mehr ertragen“, fluchte eine Freundin. „Dieses ständige Bedürfnis, uns hier als den Balkan abzustempeln.“

Und sie klagt zurecht: er ist irgendwie in aller Munde und irgendwie auch gar nicht – der Balkan. Der Begriff ruft Erinnerungen an die Balkan-Kriege hervor, nicht selten wird er als Synonym für die rückständigste, unzivilisierteste Region Europas gesehen. Der Begriff „Balkanisierung“ ist ein politisches Schlagwort für die Zerstückelung größerer politischer Gemeinschaften geworden und jagt Politikwissenschaftler:innen Angst und Schrecken ein. Die Historikerin Maria Todorova bezeichnet in ihrem berühmten Werk „Imagining the Balkans“ den Begriff „Balkanisierung“ gar als eines der schlimmsten (geopolitischen) Schimpfwörter des 20. Jahrhunderts.

Der Balkan: Wer ist er, und wenn ja – wie viele?

Die Frage steht also im Raum: Wo ist er eigentlich, dieser Balkan, und was?

Normalerweise lässt sich eine Debatte gut mit Fakten beginnen, doch hier geht es schon los, denn die Faktenlage im Bezug auf die geographische Lage des Balkans ist nicht eindeutig. Benannt nach dem Balkangebirge finden wir ihn in Südosteuropa, also dem Zipfel Europas, der im Westen vom Adriatischen Meer von Südeuropa getrennt wird und sich dann in den Osten erstreckt, Rumänien wird zu Teilen dazugezählt, Moldawien und die Ukraine dahingegen sind dahingegen „nur“ Osteuropa. Im Süden zieht sich der Balkan rein geographisch über die s.g. Balkanhalbinsel durch Griechenland bis zum europäischen Stückchen der Türkei. Im Norden gehören Serbien und Kroatien irgendwie noch dazu, Slowenien je nach Perspektive, Ungarn aber eindeutig nicht mehr. Soviel verrät als der Blick in die Atlanten.

Die Suche nach dem Balkan gestaltet sich ausgesprochen schwierig, weil eben die geographischen Fakten nicht eindeutig sind. Diese Region hat eine turbulente Geschichte hinter sich, in der Grenzen sich immer wieder verschoben haben und verschiedene Großmächte die Region unter sich aufteilten.

Hier kommt wieder die Historikerin Todorova ins Spiel, die behauptet, der Balkan als geschlossene Region sei geographisch gar nicht zu verstehen. Stattdessen sei er ein Konstrukt des Westens, eine Erfindung sozusagen. Konstruiert wurde, und hier findet Todorova viele Unterstützer:innen, der Balkan aus der Notwendigkeit heraus, diese unruhestiftende Region Europas zu kategorisieren, weil sie sich in die bestehenden Regionen (Südeuropa, Zentral- und Osteuropa usw.) aufgrund ihrer besonderen Geschichte nicht eingliedern lässt. Es geht hier um eine Region, die zu Teilen dem Österreich-Ungarischen Reich angehörte, über die sich in anderen Teilen jedoch lange Zeit das osmanische Reich erstreckte und das dementsprechend bis heute (auch) muslimisch geprägt ist. Um eine Region, die zwar kommunistisch war, aber nie hinter dem Eisernen Vorhang verborgen war.  Um eine Region, die immer wieder durch ihre Andersartigkeit und fast exotische Wildheit betört und verstört hat und um die sich Schauermärchen und Legenden ranken.

Rein geographisch betrachtet, wäre eigentlich Griechenland das Land, das am eindeutigsten auf der Balkan-Halbinsel liegt. Assoziativ ordnen die meisten Europäer:innen dieses Land jedoch Südeuropa zu – und die Finanz- und Wirtschaftskrisen, die Griechenland, Italien, Spanien und Portugal am stärksten trafen, verstärken dieses Bild noch.

Der Balkan als Konstrukt

Es ist also schwierig, den Balkan geographisch zu bestimmen. Daher übernehmen Geschichte und Politik diese Aufgabe. Vor allem die Jugoslawienkriege taten ihren Teil dazu, welche Länder heutzutage zum Balkan gezählt werden: Bosnien und Herzegowina, Kosovo, Kroatien, Mazedonien, Montenegro, Serbien und Slowenien – die Länder, die ehemals in Jugoslawien zu einem Land vereint waren. Doch die meisten  Slowen:innen würden widersprechen, da ihre kollektive Identität sehr zentraleuropäisch geprägt ist: hier fühlt man sich eher Österreich zugehörig. Dieses Gefühl wurde durch den frühen EU-Beitritt im Jahr 2004 noch verstärkt. Auch in Kroatien finden sich viele Menschen, die Kroatien nicht dem Balkan zuzählen, sondern eher zum mediterranen Südeuropa. Kroatien ist seit 2007 Mitglied in der Europäischen Union und auch hier hat diese EU-Mitgliedschaft das Land innerlich weiter vom Balkan entfernt.

Es bleiben also die fünf ehemaligen jugoslawischen Staaten übrig, die bisher noch nicht Teil der EU sind – und Albanien. Albanien gehörte nie zu Jugoslawien, sondern war von 1944 bis 1990 eine sozialistische, extrem abgeschottete Diktatur. Wenn heute über den Balkan gesprochen wird, dann werden oft die ehemals jugoslawischen Länder und Albanien unter einen Hut gepackt, dabei ist das historische Vermächtnis der verschiedenen Systeme ein ganz anderes. Und auch die verschiedenen Länder des ehemaligen Jugoslawien haben unterschiedliche Erfahrungen gemacht und leiden dementsprechend heute unter ganz verschiedenen Problemen. Da ist zum Beispiel das extrem gespaltene Land Bosnien und Herzegowina: „Europas Verlorener Staat“, beschrieb der Deutschlandfunk das Land. Der Kosovo feierte 2018 sein zehnjähriges Bestehen – ist aber nach wie vor von vielen Ländern nicht anerkannt und steht immer wieder in direkter Konfrontation zum Nachbarn Serbien. Mazedonien hat als einziges ex-jugoslawisches Land in den Neunzigern gar keinen Krieg erlebt und war auf einem guten Weg in die EU, bevor die Regierung zu Beginn der Nullerjahre auf autoritären Nationalkurs ging.

Gibt es einen Weg aus der Schublade?

Dennoch ist der Balkan als Begriff – und als Schublade – inzwischen fest verankert. Vor allem im Zusammenhang mit der geplanten EU-Erweiterung hat sich der Begriff des „Westlichen Balkans“ eingebürgert. Einen „östlichen Balkan“ gibt es zwar nicht, doch der Westliche Balkan gilt als Überbegriff für all die Staaten in Südosteuropa, die noch nicht Mitglieder der EU sind, aber deren eventuelle Mitgliedschaft im Raum steht. Positive Schlagzeilen – daran ändert sich nur wenig – schreiben die Staaten jedoch kaum (Mazedoniens erfolgreiche bilaterale Abkommen mit Griechenland und Bulgarien im vergangenen Jahr sind eine willkommene Abwechslung). Die Balkan-Route, ethnische Konflikte, Korruption und immer wieder die Balkan-Kriege blitzen in der kollektiven Vorstellung der Europäer:innen auf, die internationale Wahrnehmung der Region trieft nur so von voreingenommenen Stereotypen.

Dennoch leben auch in dieser Region Menschen wie im Rest Europas, nur eben mit anderen historischen und gegenwärtigen Grundvoraussetzungen. Ich möchte hier nichts romantisieren: Die Region ist durchtränkt von undemokratischen Strukturen, Korruption, Vetternwirtschaft und der Diskriminierung marginalisierter Gruppen wie LGBTI oder Roma. Auch trotz zunehmender Annäherung und grenzübergreifender Austauschprojekte flammen immer wieder ethnische Konflikte auf. Medien verbreiten Falschinformationen und Politik ist auf allen Ebenen extrem emotionalisiert.

Doch bei all diesen politischen, ökonomischen und gesellschaftlichen Herausforderungen, denen die südosteuropäischen Länder gegenüberstehen, tut man ihnen keinen Gefallen, wenn sie immer wieder gemeinsam in die Box des Balkan-Sorgenkindes gesteckt werden. Natürlich erleichtert eine Kategorisierung den politischen Umgang mit einer Region, doch der seit Jahrzehnten negativ besetzte Begriff „Balkan“ ist auf dem Weg in die EU oft kontraproduktiv. Er verwehrt den Ländern der Region, sich in einem positiven Licht zu präsentieren. Bei der Bezeichnung „Balkan“ klingt immer – und wenn nur unbewusst – ein gewissen Andersartigkeit und Fremde mit. „Südosteuropäische Länder“ würde deutlicher benennen, dass die Region keine wilde, fremde Welt voller Exoten ist, sondern ein gleichwertiger Teil Europas. Die Länder des westlichen Balkans stecken in tiefen Schubladen – vielleicht können aber die Länder Südosteuropas mit ambitionierten Reformprogrammen beweisen, dass ihnen an der Integration ins Resteuropa wirklich gelegen ist?

In vielen Zusammenhängen ist es richtig und wichtig, auf regionale Zusammenarbeit zu setzen und zwischen den Balkan-Ländern zusammenzuarbeiten, doch dabei darf nicht vergessen werden, dass der Balkan kein Einheitsbrei ist. Genau so, wie die EU-Mitgliedschaft nicht als Erlösung vom Balkanfluch gesehen werden sollte, darf auch vorher nicht eine ganze Region über einen Kamm geschert werden. Denn so werden Vorurteile nur künstlich verstärkt und es wird der Region schier unmöglich gemacht, ihr schweres Erbe abzulegen.

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