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Why not Vietnam?

“Welcome to the crazy family”, brüllen Mutter und Tochter mir fröhlich entgegen, als ich ihr Hostel in Da Lat im Süden Vietnams betrete. Sie fallen mir um den Hals, kneifen mir in die Wange und setzen mir einen Teller Suppe vor. Am Hang vor der Tür geht die Sonne über der Stadt und ihren bunten Häusern filmreif unter und überlässt die Bühne einem fast vollen Mond. In der Gemeinschaftsküche werden Frühlingsrollen gebastelt, “die Internationale” schwappt herüber. Es ist laut, herzlich und überwältigend und hätte mich wohl überfordert, wäre es meine erste Station in Vietnam gewesen.

Ich hatte die Reise zwei Wochen zuvor in Saigon begonnen, wo von Wänden mit väterlichem Blick Ho Chi Minh auf mich hinabblickte und bunte Plakate mit Menschen, die glücklich unter Hammer und Sichel arbeiteten, von Laternenpfählen und Blockbauten strahlten. Über die Straßen heizten Motorräder, die die Ampelschaltung ignorierten, und auf dem Bürgersteig saßen alte Menschen, die Gemüse und Obst auf Decken zum Verkauf anboten. Hier und da stand mitten im Getümmel verloren ein Hahn. Die Stadt war voll, betäubend, chaotisch und gespickt mit Überraschungen in Nebengassen und Hinterhöfen. Ich war begeistert.
In Saigon war es tags heiß und kühlte sich mit Einbruch der Dunkelheit ab, doch die schwüle Hitze, die auf meiner Haut ein ungewohntes Gefühl hinterließ, dämpfte mich auch abends. An einem dieser Abende klebte ich abseits von Touristenströmen in einem Restaurant auf einem weißen Plastikstuhl. Zwischen mir und anderen Gästen lag eine Straße, Kellner balancierten Speisen und Bier durch das Verkehrsgewimmel bis zu den Tischen vor einer bröckeligen Mauer. Um mich herum herrschte lärmende Hektik, Kinder verkauften aus Körben Stifte und Armbänder und durch die Luft zog ein süßer, schwerer Duft, über den sich beim Einatmen der feine Staub der Stadt legte.
„Wo kommst du her?“, fragten zwei ältere Herren am Nebentisch. „Deutschland“, antwortete ich. Einer kniff misstrauisch die Augen zusammen. „Ost oder West?“, fragte er und fügte schnell hinzu: „Wenn die Grenze noch wäre.“ Ich lachte. „West.“ Er grinste verschmitzt, wie es den Vietnamesen sehr eigen ist, hob sein Bier und reichte mir eine eigene Flasche. „Dafür habe ich gekämpft! Die Kommunisten haben verloren!“ Er sah mich begeistert an; als wenn das mein persönliches Verdienst wäre. „Trink mit uns!“ Ich zögerte. „Why not?“, fragten beide, ehe ich ablehnen konnte. Ja, warum eigentlich nicht? Ich war in Vietnam, die Nacht brach an, der Mond leuchtete fast voll am Himmel. Ich war in Vietnam, trank ein Bier und war außerordentlich zufrieden.

Bekäme ich die Aufgabe, Vietnam in einem Satz zusammenzufassen, so würde ich nach kurzem Überlegen grinsen. Dann würde ich sagen: „Why not.“ Die Antwort impliziert vieles: die Grenzenlosigkeit, die Freiheit, die schier endlosen Möglichkeiten als Reisende. Sie beschreibt auch die ruppige, beharrliche, etwas trotzige und vor allem sehr neugierige Bevölkerung des langen Landes in Südostasien, vor 40 Jahren zu einem zusammengefügt – erobert sagt der Süden, befreit der Norden – , und doch noch immer nicht ganz vereint.

Es ist unmöglich, Vietnam in einen einzigen Satz zu verpacken. „Vietnam, Land der Reisfelder.“ Oder auch: „Vietnam, Land des gelebten Sozialismus“. Oder gar: „Vietnam, Land der Nudelsuppe.“ Es braucht mehr als ein Klischee, um das bunte Mosaik vorzustellen, aus dem sich Vietnam über die Jahre trotz und wegen aller Herausforderungen und Auseinandersetzungen zusammengesetzt hat. Warum also nicht der Beschreibung von Vietnam den Raum geben, den sie verdient? Why not?
Nach Saigon reiste ich weiter – es zog mich in die Berge. Vor dem Fenster des Busses: Reisfelder, Flusslandschaften, dann irgendwann Dürre. Das trockene Braun aufgefrischt durch pinke Sprenkel leuchtender Blüten. Keine Wolke am Himmel, nur eine in der Ferne, wie ein zufälliger Schönheitsfleck. Hupend und schaukelnd fuhren wir über glühenden Asphalt und Schlaglöcher, schlängelnd in die Berge hinein. Der Bus wurde von Motorrädern überholt, beschleunigte und überholte selbst und so ging es ein paar Stunden, ehe er schnaufend in einer ausladenden Kurve und im bewaldeten Niemandsland Passagiere zur Pause ausspuckte.

In Vietnam war ich selten allein. Selbst an abgelegenen Orten wie diesem sitzt unter einem Verschlag verträumt eine Frau, deren Bluse auf das wilde Muster der Hose abgestimmt ist. Sie steht bei Besuch auf, um Kaffee zu kochen. Während der Kaffee langsam in die Tasse tröpfelt, wechselt sie mit dem Gast ein paar freundliche Worte und wirft einen Kommentar zu einem Lastwagenfahrer ein, der im Halbschatten in einer Hängematte neben Bananenstauden döst, ehe sie den Kaffee mit Kondensmilch süßt. Sie lächelt noch einmal, dann verkriecht sie sich wieder in ihren Schatten und puhlt ein Stück Jackfrucht, deren Schalen sie auf den Boden spuckt und bei der ich immer noch nicht sicher bin, ob das klebrig-süße Obst mir schmeckt oder nicht.
Der Bus brachte mich in besagtes Da Lat, wo architektonische Andenken an über 90 Jahre französische Besatzung auf innovativ-naive Architektur treffen und wo bunte Blumen in Balkonkästen und am Straßenrand entzücken. Saubere Straßen schlängeln sich Hügel hoch und wieder hinunter und aus bunt gerahmten Fenstern beobachten Kinder und ihre Großmütter die Männer, die in Cafés an niedrigen Tischen Kaffee und Bier trinken. Im Februar sind an den Straßen und rund um den malerischen See die Pfirsichbäume in eine Wolke rosaroter Blütenpracht gehüllt, was der Stadt einen fast märchenhaften Schleier verleiht.

Direkt nach meiner Ankunft kam ein Easy Rider, ein Motorrad-Tourguide, auf mich zu. Ob ich nicht Lust auf eine Tour hätte? Ich war unsicher. „Why not?“, fragte er und grinste mich schelmisch an. Da war sie plötzlich wieder: die Aussage, mit der alles gesagt und alle Gegenargumente entkräftet wurden. Sie hatte einen herausfordernden Beiklang: „Traust du dich etwa nicht?“

Ich traute mich und saß nach einer Nacht in dem verrückten Familienhostel, wo ich beim Klang sozialistischer Kampflieder einschlief, auf einem Motorrad und fuhr durch die bepflanzten Ebenen des Zentralgebirges. Wir ließen Blumenfelder und Teeplantagen hinter uns, die Luft frisch, klar und sauber. Am Wegrand standen kleine Häuser, Minivillen wie Puppenstuben mit pastelligem Anstrich, wo an Fahnenstangen keck rote Flaggen im Wind flatterten und auf der Veranda ein Hund im Schatten döste. Kinder in Schuluniform radelten am Straßenrand, alte Menschen blickten uns verblüfft hinterher.

Teefelder
Teefelder

Wir fuhren durch Ortschaften und dann durch endlose Weite, wo nur ein paar braune Büffel die Fahrbahn zwischen Tomatenfeldern und Kaffeeplantagen blockierten. Manchmal hielten wir an, um den unwiderstehlichen Duft von Kaffeeblüten einzusaugen, der nichts mit dem Geruch frisch gebrühten Kaffees gemeinsam hat. Wir pflückten Mandarinen vom Wegrand und stapften durch Bananenstaudenwälder. Ich war überwältigt von dem paradiesischen Idyll und ließ bewundernd und mit klopfendem Herzen meine Blicke über die Landschaft wandern. In diesen Tagen voller Freiheit wurde das „why not“ ergänzt. „Just do it“, ermutigten mich die Vietnamesen, die ich traf: auf Höfen, in Gärten, in abgelegenen Siedlungen, in Dorfkneipen, unter einem tosenden Wasserfall. Ich tat, was sich anbot: Ananas pflücken, Reis mahlen, Tomaten sortieren, Honigwaben ausschaben. Ich schrie vor Freude in den Morgendunst des Gebirges und lauschte dem verhallenden Nachklang, bis die Stille vom fernen Knattern eines Motorrads unterbrochen wurde.
„Vergiss nicht“, sagte der Easy Rider zum Abschied am Busbahnhof: „Es gibt keine Ausreden, etwas nicht zu probieren. Frag dich immer „why not“ und dann tu’s einfach.“

Ich zog weiter nordwärts und erreichte Hoi An, ehemals die größte Hafenstadt Südostasiens. Ich saß auf dem Bürgersteig vor einem gelben Gebäude der für ihre Schönheit und ihren kulturellen Wert zurecht gelobten Altstadt und betrachtete das Treiben um mich herum. Ich saß auf der Straße, weil es dort schattig und ich auf der Suche nach einer neuen Perspektive auf das Weltkulturerbe war. An mir vorbei radelten Frauen mit Spitzhüten und liefen Mädchen mit seidenen Schuluniformen. Verkäuferinnen schleppten ihre Waagschalen voller Früchte und Kokosnüsse. Auf dem Dach über mir werkelten junge Männer mit bunten Lampions. Vom Fluss, auf dem Fischerboote schaukelten, wehte eine Brise herüber, aus einem Restaurant klang gedämpfte Musik, die Aussicht von unten auf die alte Pracht gefiel mir sehr.
Aller guten Dinge sind drei. Die Vietnamesen wissen sich vor Entscheidungen selbst herausfordernd „why not“ zu fragen. Sie zelebrieren den Mut zum intuitiven Handeln. Und sie verstehen sich darauf, das Leben zu genießen.

Hoi An, Vietnam. Februar 2016
An meinem letzten Abend in Hoi An, bevor ich gedankenverloren auf der schattigen Bürgersteigkante saß, schloss sich der Kreis – die Dreifaltigkeit des schönen Lebens eröffnete sich mir.

Ich war in einer Bar gewesen, weil mich der Name „Happy. Why Not.“ gelockt hatte. In der Altstadt war um Mitternacht Schicht im Schacht, sodass der an Profit interessierte Geschäftsführer um zehn vor zwölf seine knapp hundert Gäste in einen Bus verfrachtete und einige Meter vor die Stadtgrenze fuhr, wo bis in die Morgenstunden in einem ranzigen Schuppen weitergefeiert wurde. Er bot mir an, mich auf dem Motorrad mitzunehmen. Ich zögerte nur einen Moment, dann lachte ich. „Why not.“ Er lachte mit und sagte: „Yeah! Just do it.“ Wir fuhren auf dem Motorrad durch die Nacht, vorbei rauschten Häuser mit Orangenbäumen im Vorgarten und ich dachte mir, dass mich niemand finden würde, wenn ich jetzt verloren ginge. Doch der Mann, der mit mir durch die Nacht raste, warf einen Blick über die Schulter. „Alles ist gut! Enjoy it!“

„Why not?“, dachte ich mir und blickte umher. „Just do it!“, Ich spürte den Fahrtwind in den Haaren. „Enjoy it!“, rief ich und der Fahrer fiel mit ein. Wir düsten johlend durch die Nacht und genossen das Leben und genossen Vietnam.

August 2015

 

 

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