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Zypern: Eine politische Erkundung

Als ich auf Zypern ankomme, ist es dunkel. In einem kleinen Bus fahre ich von Larnaka an der Südküste in die zentral gelegene Hauptstadt: Lefkosia auf Griechisch, Lefkoşa auf Türkisch, Nikosia im internationalen Sprachgebrauch. Durch die Dunkelheit strahlt mir in der Ferne die türkisch-zypriotische Flagge entgegen, die in der Luft zu schweben scheint. Am nächsten Tag erfahre ich, dass die Lichtinstallation riesengroß auf den Bergketten nördlich von Nikosia angebracht ist. Ich bin keine Stunde auf Zypern und werde doch bereits durch dieses eindeutige Statement mit dem politischen Alltag Zyperns konfrontiert. Dem Alltag eines geteilten, in verschiedene Regionen und Zonen zerstückelten Landes, das seit 51 Jahren versucht wieder vereinte Normalität herzustellen.

Mein Hostel liegt in der Altstadt Nikosias, unweit des Famagusta Tors und der Grenze zwischen den beiden Landesteilen der Insel. Ich laufe durch schmale Gassen, Fensterläden klappern im seichten Wind, in Balkonkästen schaukeln Blumen und am Himmel strahlt ein Vollmond eingerahmt von einigen ersten Sternen. In den Mülltonnen am Straßenrand suchen magere Kätzchen nach einem Abendessen, über mir schwirren Fledermäuse. Ich bin umgeben von dem Zirpen der Zirkaden und in der Ferne klingt der abendliche Ruf eines Muezzins. Es ist heiß und trocken und mein Herz schlägt etwas schneller aus freudiger Erwartung und weil es das Klima nicht gewohnt ist.

Ich bin für eine Studienreise angereist, das Thema: der Zypern-Konflikt, wie es auf der Hand liegt. Doch ehe ich mich in das einwöchige Programm mit Vertreterinnen und Vertretern aus Politik, von Universitäten, von der UN und von NGOs stürze, nutze ich die Gunst der morgendlichen Frische (wobei Frische hier für 30 Grad und eine kaum spürbare Brise steht) für einen Erkundungsgang der Straßen, die zwischen mir und der zentralen Ledra Street liegen.

Ich habe nicht lange geschlafen, denn durch das offene Fenster schallte der Klang frühmorgendlicher Gebetsgesänge von der orthodoxen Kirche nebenan. In deren Innenhof spielen Kinder entsprechend meines Klischees vergnügt unter Bäumen an denen Oliven, Orangen oder Limonen reifen. Ich streife planlos durch die Straßen und Gassen, Büsche mit pinken Blüten bringen bunte Kontraste in das verwinkelte und verzweigte Straßenbild, das von gelben oder grauen Bauten und grünen Pflanzen dominiert wird. Manchmal sticht eine verzierte Tür hervor, die in den gleichen Farben wie die hölzernen Fensterrahmen gestrichen ist. Über gusseiserne Balkongeländer wachsen Blumen, freie Wände wurden von Straßenkunst erobert oder von politischem Graffiti, es gibt an jeder Ecke etwas zu entdecken. Doch ich begegne nicht nur Schönheit und entzückende Architektur. Durch blinde, zerbrochene Scheiben blicke ich in unzählige leerstehende Häuser, in denen Geröll und Müll liegen, auf steinigen Parkplätzen stehen verrostete Wagen, vielerorts bröckelt der Putz, der vielleicht vor unzähligen Jahren einmal einen bunten Anstrich hatte. Dennoch haben sich auch die heruntergekommenen Straßenzüge etwas Charme bewahrt (im Gegensatz zu den Plattenbauten außerhalb der Altstadt).

Ich denke mir im Vorbeigehen auch, dass diese Mischung aus mediterranem Urlaubsflair und in die Jahre gekommener Stadt genau richtig ist, denn nur so wirken die alten Männer nicht out-of-place, die im Schatten großer Feigenbäume sitzen und fröhlich „Kalimera“ rufen, als ich vorbei komme. Die in kleinen Kiosken Frappé verkaufen oder trinken, die in den schummrigen Tischlereien und Antiquitätenladen arbeiten und die in Cafés Backgammon spielen (wo sind bloß die Frauen, frage ich mich bei der Gelegenheit). Ich kaufe mein Frühstück auf einem Markt. Zumindest versuche ich, das saftige Obst, das mir entgegen gelacht hat, zu erwerben, doch der Verkäufer winkt ab – meine Nektarinen gehen auf ihn. Mit Essen bin ich leicht zu bestechen: selbst, wenn es zuvor noch nicht geschehen wäre, haben spätestens jetzt Zypern und die Zyprioten mein Herz im Sturm erobert.

Großer Konflikt an einem kleinen Ort

Mir scheint, dass es oft die kleinsten und im Grunde die unscheinbarsten Orte sind, die großes Potential für Konflikte bergen. Zypern liegt, aus europäische Perspektive, ziemlich ab vom Schuss. Eine kleine, recht ausgetrocknete Insel unter der Türkei und gar nicht weit weg von Libanon und Israel. Dennoch, oder gerade deshalb, ist es ein geostrategisch äußerst geschickter Standpunkt. Und so wurde Zypern über die Jahre von verschiedenen Akteuren beansprucht: Das Ottoman-Empire war dort, die Engländer kolonisierten das Land und zwischendrin hatten die Italiener dank königlicher Heirat ein Wörtchen mitzureden. Dazu haben Griechenland und die Türkei Interessen und mehr oder weniger enge Verbindungen zu dem seit 1974 endgültig geteilten Inselstaat, wo im Süden griechischen Zyprioten in der Republik Zypern leben und im Norden türkische Zyprioten in einem Land, das nur von der Türkei als solches anerkannt wird.

Insgesamt teilt sich die Insel in vier Regionen: zusätzlich zu Nord und Süd gibt es eine entmilitarisierte UN-Pufferzone, die an der Grenze entlang quer durch das Land verläuft. Außerdem beanspruchen auch die Engländer nach wie vor einen Teil vom Kuchen: so absurd es klingt, aber selbst der EU-Beitritt Zyperns im Jahr 2004 schien Großbritannien nicht Grund genug, endgültig aus der ehemaligen Kolonie abzuziehen.

Wann der Konflikt, der zu dieser Stückelung führte, begann, ist schwer zu sagen. Betrachtet man – beispielsweise im ersten Bi-Kommunalen Kunstmuseum zur Geschichte Zyperns (Centre for Visual Arts and Research) – Bilder aus dem 19. Jahrhundert, so sieht man griechische und türkische Zyprioten nebeneinander leben. Ihre Kleidung unterscheidet sich, aber ansonsten strahlen die Malereien Harmonie aus. Nach dem zweiten Weltkrieg ist damit Schluss. Es stellt sich nun die Frage, inwieweit die britische Kolonialisierung den ethnischen Konflikt befeuerte, der entflammte und in den 60ern und 70ern zu Krieg und dann zur Teilung führte. Einige schreiben den britischen Besatzern, die beispielsweise türkisch-zypriotische Bürger als Polizisten gegen griechisch-zypriotische Bürger einsetzten, die Hauptverantwortung an der Eskalation zu, andere sehen darin nur einen weiteren Tropfen in das Fass, das seit vielen Jahren unbemerkt immer weiter gefüllt wurde.

Es scheiden sich auch die Geister, welche Ereignisse schlussendlich den Höhepunkt des Konflikts charakterisierten. Die beiden Gesellschaften haben verschiedene Traumata davon getragen, die Narrative und das kollektive Gedächtnis haben sich über die Jahre gefestigt, ermöglicht durch einseitige Geschichtserzählung, unzureichende Bildung und mehrere Jahrzehnte fast totaler Funkenstille zwischen den Gemeinschaften.

Nachdem der Konflikt das erste Mal 1964 eskaliert war, wurde mit Zustimmung von Nord und Süd eine UN-Peacekeeping-Mission entsandt, doch auch durch diese Maßnahme konnte nicht die zweite Eskalation 1974 verhindert werden, in der schließlich die türkische Armee intervenierte. Eines der Hauptziele der kriegerischen Auseinandersetzungen, war der damals einzige Flughafen Zyperns in Nikosia.

Der Flughafen war damals, in den Siebzigern, ein innovatives, fast futuristisches Bauwerk: Durch automatische Schwingtüren betrat man eine große, lichtdurchflutete Halle, die das Tor zur Welt war. Über eine Treppe gelangte man in ein Café, wohin die Bewohnerinnen und Bewohner der Stadt Nikosia zum Sonntagslunch oder Nachmittagskaffee strömten, um vom Balkon Fliegern bei Start und Landung zuzusehen. Die modernste Maschine von Air Zyprus flog in 3:15 Stunden von London nach Nikosia (und ich frage mich, warum ich heute 3:40 Stunden von Berlin nach Larnaka brauchte).

Heutzutage steht von dem Flughafen noch eine zerfallene Ruine mit zersplitterten Fenstern und Einschusslöchern, die Natur hat den Vorhof übernommen, die Fontänen sprudeln schon lange nicht mehr und auf dem Rollfeld nehmen UN-Soldaten Fahrstunden im Jeep, in dem sie immer und immer wieder im Slalom um Fässer fahren. Die Sonne brennt auf das weite, seit 50 Jahren fast unberührte Land. In der Ferne schimmert die türkische Flagge am Berg.

Der Flughafen steht, gemeinsam mit einer verrosteten Maschine von Cyprus Airways, ungenutzt in der UN-Pufferzone, unweit der Blue Beret Headquarters. Es gibt keine Gelder, um ihn umzubauen oder zu restaurieren oder einfach abzureißen und so steht er in der Gegend herum und ruft die Geschichte durch seine gespenstische Ausstrahlung in Erinnerung.

Dabei ist es nicht so, dass die Pufferzone, die sich zwischen den Grenzen durch das ganze Land zieht, komplett brach liegt. Bauern, deren Land zwischen Nord und Süd liegt, dürfen ihre Felder bewirtschaften und auf UN-Territorium leben. Die täglichen UN-Patrouillen überwachen vor allem, dass keine Militärs die Pufferzone betreten.

Zwischen Flughafen und Headquarter liegt hinter einigen Nadelgehölzen und trockenen Büschen auf der einen Seite ein Gebäude, an dem der Print „peace it together“ prangt und auf der anderen Seite eine Ansammlung von Containerbauten. In ersterem treffen sich die Beteiligten der Friedensverhandlungen für Gespräche auf neutralem Boden. Die anderen Gebäude, die von innen viel freundlicher aussehen als von außen, bieten Raum für das Committee on Missing Persons in Cyprus und die Überreste im Krieg verschwundener Zyprioten. Das UNCMP, das beispielsweise auch im Balkan arbeitet, hat es sich zur Aufgabe gemacht, in Teams aus Archäologinnen und Archäologen, Genetikerinnen und Genetikern und Psychologinnen und Psychologen in kostspieligen Unterfangen verschwundene Menschen bzw. deren Überreste aufzuspüren und den Angehörigen zu übergeben. „Sobald mehr als 0,3% einer Gesellschaft als verschwunden gilt, kann ein nationales Trauma nicht verschwinden. Es kann kein nachhaltiger Frieden hergestellt werden“, lerne ich. Menschen können den Tod eines geliebten Angehörigen verkraften, nicht aber das Unwissen über dessen Verbleib.

Die Pufferzone ist neutrales Gebiet. Seit vielen Jahren wird das genutzt, um einen Raum zu bieten, auf dem Menschen aus beiden Teilen des Landes, aus beiden Gemeinschaften, zusammen zu bringen. Besonders deutlich wird das im gemütlichen, wohnlichen Home4Cooperation, das zwischen den beiden Nikosias liegt und in dem verschiedene NGOs arbeiten können. Wir lernen nicht nur über (zum Teil von der UN finanzierte) Initiativen und Forschungsprojekte, sondern haben auch die Möglichkeit, bi-kommunalen Austausch hautnah zu erleben: fast jeden Abend gibt es interkulturelles Programm.

Als wir abends um neun durch die Dunkelheit auf das beleuchtete Gebäude zulaufen – wir müssen keine Grenze passieren, nur aus der Ferne schenken uns einige UN-Soldaten etwas Beachtung – schallen schon Musik und Lachen herüber, durch die Schatten huschen magere Katzen, die hoffen etwas von dem Essen zu bekommen, das auf den Tischen steht. Die Gäste sind eine internationale Gruppe aus Zypern, aus Europa, aus der Welt, gesprochen wird auf Englisch, gesungen auf Türkisch und Griechisch. Die Atmosphäre ist international und fröhlich, von einem Konflikt keine Spur.

An meinem letzten Tag, nachdem ich mich letztendlich doch akklimatisiert hatte und bei fast 40 Grad staubtrockener Hitze atmen konnte, habe ich die Grenze überquert, die direkt durch die Innenstadt führt. Es ist heutzutage unkompliziert, von einem Stadtteil in den anderen zu gelangen; 2003 wurde die Grenze nach vielen Jahren der Anfeindung wieder geöffnet, doch damals unterlag ein Grenzübergang noch einigen Beschränkungen, die nach und nach abgebaut wurden und werden. Der erste Grenzbeamte lächelt, als ich „Ephamistos“ sage, der zweite freut sich über mein „Tesekürler“, auf dem schmalen Streifen zwischen den Grenzhäuschen patrouillieren argentinische Polizisten der UN. Die Situation hat etwas Absurdes.

Die Architektur verändert sich nicht auf der anderen Seite, ich empfange auch noch immer das zypriotische Netz, das mir in der EU billiges Roaming ermöglicht. Erst wenn ich Nikosia verlassen würde, bekäme ich irgendwann eine SMS „willkommen in der Türkei, Sie können jetzt o2 WORLD nutzen“, denn die Handynetze des Nordens laufen alle über die Türkei. Auch wenn die Gebäude und Straßenzüge im Kern aussehen, wie auf der anderen Seite, verändern sich hier auf der Nordseite die Auslagen in den Schaufenstern, die Gerüche, die Preise. Plötzlich habe ich das Gefühl, ich laufe über einen Basar. Die Trennung ist nicht spurlos an den beiden Stadtteilen vorbei gegangen.

Ich sitze mit Zyprioten von beiden Seiten im Büyük Han, einer alten Herberge für Reisende, die im Schatten der kühlenden Gemäuer verweilen konnten. Heutzutage gibt es hier Restaurants, kleine Cafés, Souveniershops und immer noch herrlichen Schatten. Wir scherzen und unterhalten uns auf Englisch über Jugendaustausche, manchmal fallen griechische oder türkische Wörter. Wir trinken Tee, aus der Nähe diesmal schallt der Ruf eines Muezzins.

Zypern befindet sich in einer spannenden Zeit, einer Zeit des Aufbruchs. Ich habe niemanden getroffen, der nicht die Wiedervereinigung unterstützt, wenngleich einige sie doch kritisch betrachten. Fehlendes Vertrauen in die Politik, fehlende Transparenz, verschiedene beteiligte Parteien mit vielfältigen Interessen verkomplizieren die Situation. Nach dem gescheiterten Annan-Plan von 2004 ist das Land nie so nah am Frieden gewesen, aber wie sich dieser Frieden gestalten wird, ist noch unklar und wird sich in den kommenden Wochen, Monaten und Jahren zeigen.

Aber hier in den mächtigen Mauen des Büyük Han, wo der Kahve 1 € oder 2.5 Türkische Lira kostet, ist alles in bester Harmonie, ich genieße meine Gesellschaft, die Wärme und das fröhliche Beisammensein. „Hier ist kein Ort für Konflikte“, erklärt mir der Besitzer des kleinen Cafés, dessen Kaffee ich nach meinem Tee genieße. „Hier herrscht Harmonie und eine positive Atmosphäre. Hier sind keine türkischen Zyprioten oder griechische Zyprioten, hier sind nur Menschen.“

Mit diesem eindeutigen Statement verabschiede ich mich aus dem Norden und mache mich auf den Weg, um an von Blumen und Granatapfelbäumen gesäumten Straßen zurück zu meinem Hostel zu spazieren; um dann mit dem Bus durch die trockenen Ebenen und nicht ganz so dürren Fels- und Berglandschaften zu fahren, wo Olivenhaine um ineinander verschachtelte Häuser wachsen; nur um schließlich in den Sonnenuntergang hinein zurück nach Deutschland zu fliegen. Ein letzter Blick auf das funkelnde Meer, dann bleibt mir von Zypern vorerst nur die Erinnerung – aber davon nur die Beste.

September 2015

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