Beobachtungen in Polen, Heimat auf Zeit, nachhaltig leben

Hallo Warschau! Warum sich die polnische Hauptstadt lohnt (vor allem per Rad)

Vor einigen Monaten teilte ich auf diesem Blog meine Freude über Fahrradfahren in Krakau, trotz der eher unzulänglichen Infrastruktur für gemütliche Stadtradlerinnen wie mich. Vor einigen Wochen bin ich nun nach Warschau umgezogen – mit im Gepäck natürlich das Rad.

Warschau ist eine faszinierende Stadt, auch wenn vielleicht die kompakte Altstadt und das flussüberblickende Wawelschloss in Krakau auf den ersten Blick mehr anmuten. Während sich allerdings Krakau zwischen mittelalterlichen Mauern und als Zentrum eines der ältesten, einflussreichsten und rückwärtsgewandtesten Erzbistume in Polen schwer damit tut, dem Ruf der Zeit zu folgen und die konservative Grundmentalität abzulegen, steht Warschau anderen europäischen Hauptstädten in nichts nach. Während das Warschauer Altstadtzentrum zwar träge und verlassen daherkommt, lohnt sich der Abstieg zum Flussufer der Weichsel, wo alternative Bars, Cafés und Restaurants die Hipster der Stadt wohlwollend aufnehmen. Während sich in und um Krakau „LGBT-freie Zonen“ ausbreiten, heißen hier Regenbogenfahnen im Eingangsbereich ausdrücklich alle willkommen.

Vor einigen Jahren bereits stach Warschau als vegetarischer Hotspot in Europa andere Hauptstädte aus und Papierstrohhalme wurden hier schon ins Glas gesteckt, bevor die Richtlinie aus Brüssel dazu verpflichtete. Längst bieten Secondhandläden keine ausgetragenen Restposten mehr an, sondern ziehen als Vintage Stores die jungen Leute an. In der Facebookgruppe Zero Waste Warszawa werden täglich nachhaltige Veranstaltungen und Workshops in der ganzen Stadt beworben. 

Der Bürgermeister von Warschau, Rafal Trzaskowski von der Bürgerplattform, betont bewusst die progressive Einstellung der Hauptstadt, entgegen der autoritären und nationalkonservativen Politik der PiS-Regierung. In seinem Wahlkampf setzte er bewusst auf inklusive Rhetorik. Während Regierungsvertreter*innen gegen Minderheiten hetzen und demokratische Strukturen systematisch untergraben, hat sich Trzaskowski mit den ebenfalls liberalen Bürgermeistern von Prag, Bratislava und Budapest zusammen geschlossen und den „Pakt der freien Städte“ unterschrieben.

Im Selbstverständnis Warschaus spielt Nachhaltigkeit dabei eine große Rolle. Das zeigt sich nicht nur in den – bisher erst sporadisch – aufgestellten Recyclingcontainern für Flaschen und Metall in der Stadt, in einer großangelegten Werbeaktion zur korrekten Mülltrennung (die 2019 polenweit eingeführt wurde und in der Hauptstadt mehr schlecht als recht funktioniert) oder das neugegründete Bürgerpanel zu klimapolitischen Fragen (#warszawadlaklimatu = Warschau fürs Klima).

Mit dem Rad durch die Stadt

In den Wochen, die ich jetzt in Warschau lebe, spüre ich die andere, zukunftsorientierte Grundeinstellung der Stadt vor allem auf dem Rad. Was habe ich in Krakau oft geflucht, weil Fahrradspuren zwar theoretisch eingerichtet wurden, jedoch oft nur als aufgedruckter Streifen im Gegenverkehr viel zu enger Einbahnstraßen. Mindestens einmal die Woche bin ich mit rücksichtslosen Autofahrer*innen in den Streit gekommen. Seit zwei Monaten radel ich fröhlich durch die polnische Hauptstadt und nur einmal hat mich ein Autofahrer an einer Ampel übersehen – und sich sofort entschuldigt.

Das Autofahrer*innen in Warschau Fahrräder besser gewöhnt sind, liegt daran, dass hier bereits seit über zehn Jahren politisches Gewicht auf die ausgeglichene Entwicklung des Verkehrs gelegt wird. Über 635km Fahrradwege sind seitdem entstanden (wenngleich sich auch hier Fahrräder auf 45km Einbahnstraßen mit Gegenverkehr teilen müssen).

Da ich jedoch direkt gegenüber dem Stadtzentrum auf der anderen Flussseite lebe, bewege ich mich überwiegend auf dem am besten ausgebauten Streckennetz und komme nur selten in Situationen, in denen ich mich ungemütlich nah an fahrenden Autos oder gefährlich nah an Fußgänger*innen vorbei drücken muss.

Eine Sache hatte ich allerdings nicht bedacht, als ich auf die „andere“ Flusseite zog. Ich war noch nie ein großer Fan von Brücken, habe geradezu Angst vor ihnen. Um in die Stadt zu kommen, habe ich die Qual der Wahl zwischen drei Brücken. Die erste, die Poniatowskiegobrücke, ist fahrradtechnisch eine Katastrophe: ein schmaler, rissiger Bordstein, ohne Abgrenzung zum tosenden Verkehr auf der Brücke. Keine Option. Dafür gibt es jedoch eine Fahrradbrücke, die, überdacht von der Lazienkowskibrücke darüber, sicher auf die andere Seite führt. Trotz der fantastischen Blick auf die Warschauer Skyline fühle ich mich hier dennoch etwas eingeengt und unbehaglich. Mein Favorit ist daher die etwas nördlicher liegende Swietokrzyskibrücke, wo Fahrräder, Fußgänger*innen und Autos auf gleicher Höhe unter freiem Himmel unterwegs sind, allerdings dennoch getrennt durch ein festes Geländer. 

Warschau für Radpendler*innen

Bei all dem habe ich auch in Warschau ähnliche Erfahrungen wie in Krakau gemacht. Regen schreckt die Warschauer*innen eindeutig mehr ab, als die norddeutschen Oldenburger*innen und ich kann mir gut vorstellen, dass die Fahrradstrecken im Sommer mehr belebt sein werden. Insgesamt ist mir auch hier wieder aufgefallen, dass grundsätzlich weniger Frauen auf dem Rad unterwegs sind, als Männer. Diese Wahrnehmung teilt auch Moritz, der jeden Tag durch Wind und Wetter zur Arbeit radelt. Als Pendler, der im Gegensatz zu mir über das Stadtzentrum hinaus fährt, fühlt er sich wohl, an nur einer Stelle muss er für ein kurzes Stück auf die Straße ausweichen. Allerdings, sein Gastkommentar zum Fahrradfahren in Warschau: „Das Fahrradnetz ist fantastisch, wenn man auf den geplanten Routen bleibt.“ Das heißt, dass die beste Radroute nicht immer der direkte Weg ist – es lohnt sich dennoch, den Umweg in Kauf zu nehmen.

Im Gegensatz zum Arbeitsweg in Krakau, überwindet Moritz in Warschau mehr Höhenmeter als in Krakau. Krakau liegt zwar näher an den Bergen, aber in einem recht flachen Tal. In Warschau liegt das Flussbett ein gutes Stück tiefer als die Stadt westlich davon. Das spüre auch ich, wenn ich in die Stadt fahre. Ich warte noch auf den Tag, an dem ich die Steigungen mit Leichtigkeit nehme und nicht auf halber Strecke keuchend eine Pause einlegen muss … Für die Ausdauer ist das aber bestimmt ein gutes Training. Die sausende Abfahrt auf dem Heimweg dahingegen steigert noch die Freude, die ich dabei habe, Warschau mit dem Rad zu erkunden.


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