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Tag 31: Ein Monat in Taiwan. Eine Bilanz

Ich bin einen Monat in Taiwan – das ging schneller als gedacht – und habe sogar Zeit gefunden, den Campus zu verlassen, um Taipeh zu erkundigen (nur aus der Stadt habe ich es bisher noch nicht geschafft, das hebe ich mir für das lange Wochenende nächste Woche auf).

Einige meiner Austauschbekannten hier sind völlig fasziniert, wie sehr sie dieser kurze Aufenthalt schon verändert hat. Ich habe nicht das Gefühl, mich im Großen und Ganzen sehr von der August-Marie zu unterscheiden, aber es gibt doch einige kleine Dinge, die anders sind, wo ich mich angepasst habe.

Ich habe vor einem Monat geschrieben, dass ich WhatsApp von meinem Smartphone gebannt habe, um Platz für die wundervolle chinesisch-App „Pleco“ zu haben. WhatsApp musste auch weichen, damit ich Line installieren konnte. Line ist sozusagen das asiatische WhatsApp und das Beste daran ist, dass man nicht nur übers Internet simsen und telefonieren kann, sondern man kann auch Sticker schicken, kleine süße Bildchen. Bezaubernd! Ich bin ganz verrückt nach Stickern. Sowieso bin ich begeistert, dass ich meine ganze rosa, glitzernde, quietschbunte, zuckersüße Seite rauslassen kann (von der ich vorher nicht einmal wusste, dass ich sie habe). Aber hier in Taiwan wird nicht nur meine süße Seite geweckt, sondern auch meine praktische Seite. Ich kombiniere meine hübschen Kleider und schicken Outfits mit – Sportschuhen. Niemals hätte ich mir träumen lassen, dass ich irgendwo anders als in einer Turnhalle Sportschuhe trage, aber hier tragen alle immerzu Sportschuhe. Und seit einigen Tagen bin selbst ich stolze Besitzerin pinkfarbener Sportschuhe, die ich zwar nach wie vor vordergründig beim Sport trage, aber die gerade für eine Stadterkundung ganz wunderbar sind (schon allein die Tatsache, dass ich Sportschuhe besitze ist eine Veränderung und damit einhergehend auch der Umstand, dass ich regelmäßig Sport mache). Naja, und außerdem kann gerade so ein Stilbruch von Kleidchen mit Adidas-Tretern sehr trendy sein.

Praktisch und kein Stück stilbewusst ist mein gelber Regenmantel. Ich habe ihn für ungefähr 1,30 im Convenience Store erstanden, er ist quietschgelb, bodenlang und lässt sogar noch Platz für meinen Rucksack darunter. Ich fahre mein Rad überall hin – und vor allem zur Uni, aber ich habe keine Lust, pitschnass dort anzukommen (vor allem seit mich mein erster Wolkenbruch völlig unerwartet getroffen und meine Ballerinas ruiniert hat). Und ich weigere mich, mit Regenschirm auf mein Rad zu steigen, wie das hier an der Tagesordnung ist. Ja, Fahrradfahren. Fahrradfahren ist der Horror, denn es gibt eigentlich keine Regeln. Also, eigentlich gibt es Regeln, aber es hält sich niemand daran. Solange man allerdings rücksichtslos und etwas vorausschauend fährt, kann einem nichts passieren. Das heißt Augen zu und durch, jedoch immerzu kalkulierend, wo die anderen Verkehrsteilnehmenden, die gerade auf einen zukommen sein werden, wenn man weiterfährt, um sie dementsprechend zu umfahren. Bloß niemals anhalten, damit rechnet niemand und es führt garantiert zu einem Auffahrunfall!

In meiner ersten Woche in Taiwan habe ich mir vorgenommen, jeden Tag etwas Neues zu probieren, was das Essen angeht. Das ist auch nach wie vor durchaus möglich, aber es häufen sich die Dinge, die ich wirklich richtig gerne mag und immer wieder essen oder trinken möchte. Ich liebe den Tee! Ich trinke mehr Tee als Wasser (aber entsprechend der chinesischen Medizin niemals kälter als Zimmertemperatur) und ich esse wie eine Weltmeisterin, allerdings kaum Süßes. Manchmal habe ich dieses unglaubliche Verlangen nach diesem oder jenem – gedünstetem, grünen Gemüse zum Beispiel, oder wenn mir der Sinn nach salzig steht nach Algen. Nur ein feines Mango-, Melonen- oder Ananaseis von Zeit zu Zeit lasse ich mir nicht nehmen und frisches Obst ist glatt einen Ausflug auf den Night Market wert. Gestern habe ich übrigens Zuckerrohrsaft probiert. Schmeckt interessant, undefinierbar mal eher bitter, mal eher süß. Ich glaube, eine Kostprobe davon reicht mir. Da ich aber hier so unglaublich viel trinke, muss ich auch unglaublich viel pinkeln. Wenn man nicht gerade bei Starbucks ist (die ihre Cafés an jeder zweiten Ecke haben), sind die öffentlichen Toiletten meist nicht entsprechend unseren Klos, sondern eine Vorrichtung im Boden, nicht viel mehr als ein Loch mit Spülung, die mir zwar nicht neu, aber dennoch suspekt waren. Einen Monat später sind sie nicht nur normal für mich, sondern ich ziehe sie sogar einem normalen Klo vor – nicht zu fassen! Aber ich bin trotzdem froh über meine altgewohnte Toilette daheim.

Und zu guter Letzt merke ich, dass ich mich hier gut eingelebt habe, weil ich friere. Nicht so richtig mit Zähneklappern, aber doch mit Gänsehaut. Es hat sich abgekühlt und ist windiger, also laufe ich jetzt lieber schon langärmlig und mit geschlossenen Schuhen herum. Wir haben derzeit so um die 28 Grad bei Sonnenschein.

Und vielleicht schaffe ich es ja auch bald, mich auf Chinesisch besser verständigen zu können. Immerhin kann ich schon erfolgreich Preise erfragen (und sogar die Antwort verstehen) und um eine englische Speisekarte bitten. Ich gebe die Hoffnung nicht auf!

Oktober 2014

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