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Wo alles begann – mit dem Auto durch den Süden Mazedoniens (1)

In Ohrid und am Ohrid See

Der Frühling ist in Mazedonien angekommen. Die Bäume werden langsam grün und die Sonne legt sich mächtig ins Zeug. Perfektes Wetter also, um loszuziehen und zu erkunden, was Mazedonien landschaftlich zu bieten hat.

Für drei Tage haben mein Freund und ich uns ein Auto gemietet[1]. Er als Fahrer hat dem Trip mit gemischten Gefühlen entgegen geblickt – wie fährt es sich auf dem Balkan, noch dazu auf Serpentinenstraßen? Auf der Mutter-Theresa-Autobahn Richtung Tetovo (nordwestlich von Skopje), die dann Richtung Süden abknickt und in die hochgepriesene Stadt Ohrid führt, geht die Reise los. Wir haben uns für einen kleinen Chevrolet Spark entschieden, der gar nicht glücklich über die kontinuierliche Steigung ist. Links und rechts von unserer Straße (es ist schwer zu sagen, wann genau die Autobahn aufgehört hat, Autobahn zu sein, aber irgendwann haben wir die letzte Mautstation passiert) wird eifrig durch die bergige Landschaft gebaut, um die Autobahn bis in den Süden zu verlängern.

Ohrid und der Ohrid See

Der Verkehr ist gar nicht so schlimm wie befürchtet und wir folgen dem Straßenverlauf knapp drei Stunden, bis vor uns die Festung von Ohrid auf einem Hügel thront und wir im Tal ganz richtig den Ohrid-See vermuten. Der Ohrid-See besteht in seiner jetzigen Form bereits seit Millionen von Jahren, ist damit einer der ältesten Seen der Erde. Mit einer Fläche von fast 350m² ist er außerdem der größte Binnensee des Balkans und einer der größten Seen Europas. Er wird durch Gebirgsflüsse gespeist und führt einen regen Wasseraustausch mit dem weiter östlich, auf der anderen Seite des Galicia-Gebirges, liegenden Prespa-See. Durch ihn verläuft die albanisch-mazedonische Grenze und in beiden Ländern lockt er im Sommer zahlreiche Touristen an, überall stehen Hotels oder werden neue gebaut und bereits auf dem Weg in die Stadt hängt an jedem Gartentor ein Schild: „Zimmer zu vermieten“.

 

Geburtsstätte Mazedonischer Kultur: Ohrid

Wir folgen den Schildern „Zentrum“ auf der Suche nach Parkplätzen in die Altstadt Ohrids und fragen schließlich Taxifahrer, die in der Sonne auf Kundschaft warten, um Rat. Sie scheinen sich geradezu darüber zu freuen, uns helfen zu können und zeigen uns eine Stelle am Straßenrand, anschließend unterhalten wir uns eine Weile mit der netten Gruppe auf einem Gemisch aus Deutsch, Englisch und Mazedonisch. Einer von ihnen kramt einen Reiseprospekt über die Stadt hervor und deutet uns den Weg zu geschichtsträchtigen Sehenswürdigkeiten. „This is Ohrid. This is where it all begun!“ Wir gehen erst einmal im Schatten einer 900-jährigen Platane, die nicht allzu beeindruckend ist, gut essen und machen uns dann bergauf daran, die Altstadt zu erkunden. Das Wetter ist perfekt, ein Thermostat zeigt 25 Grad, der Himmel ist blau und es geht ein kleines Lüftchen.

Kleine Straßen in Ohrid

Ohrid ist das Gegenteil von Skopje. Kleine, saubere Kopfsteinpflasterstraßen schlängeln sich die Berge hinauf, durch Schlitze zwischen Häusern blitzt der See in der Sonne und die Leute bleiben stehen, wenn wir vorbei kommen und grüßen freundlich. Eine Touristenführerin erklärt uns, dass die Menschen in Ohrid Sonne im Herzen trügen und wünscht uns eine schöne Zeit in der Stadt. Wir kommen an alten Kirchen vorbei, die für uns Banausen alle ein bisschen gleich aussehen, verweilen einen Moment im antiken Theater und gelangen schließlich oben auf dem Berg zu der alten Festung Ohrids, wo wir als Studenten den halben Eintrittspreis zahlen.

Von der ehemals mächtigen Samuil Burg ist nicht mehr viel übrig, abgesehen von den äußeren Mauern, doch der Eintritt lohnt sich für den atemberaubenden Ausblick, den es von den Mauern auf den See, die Stadt und die umliegenden Berge gibt. Wir stehen vor der Sonne geschützt auf der Aussichtsplattform und versuchen all die Nuancen von „blau“ zu verarbeiten, die sich vor uns ausbreiten. Nach jedem Blinzeln scheint der See in neue Farben getaucht zu sein. Unser Blick verliert sich in der Ferne.

Wieder unten geht es durch ein kleines Nadelwäldchen Richtung „Plaosnik“. Hier stehen entzückende Laternen und es ist, vor allem durch die rosa-blühenden Bäumchen zwischen den Fichten, unglaublich romantisch. Bevor die Osmanen sie zerstörten, stand in Plaosnik die Kirche Sv. Pantelejmon (im 9. Jahrhundert erbaut), in der der Gelehrte Heilige Kliment von Ohrid seine Grabstätte gefunden hatte. Im Hin und Her mit den osmanischen Besatzern wurden seine sterblichen Überreste phasenweise andersweitig untergebracht und nun nach einigen turbulenten Jahrhunderten letztendlich zurückgeführt. Die zerstörte Kirche wurde auf den originalen Gemäuern rekonstruiert.

Bei der Sv. Kliment Kirche wird noch viel gebaut und ausgegraben
Neu trifft alt

Dadurch entsteht ein unglaublich spannendes Bild einer sehr schönen Kirche, in der innen Mosaike und die Scherben alter Fresken zu besichtigen sind. Rundherum wird außerdem die erste slawische Universität, die der Heilige Kliment im 9. Jahrhundert gründete, rekonstruiert. Bis auf den Ticketverkäufer am Einlass, einen Philosophen und unendlich viele Eidechsen begegnet uns hier niemand, sodass wir auf der Mauer hinter der Kirche den Ausblick in Ruhe genießen können.

Die interessante Verbindung von Alt und Neu bringt uns schnell zu dem Urteil, dass uns dieser Ort in Ohrid am besten gefällt.

 

 

 

Noch sind wir aber nicht an der Kirche angekommen, die alle Postkarten des Landes und das Deckblatt unseres Reiseführers ziert und mir als die Sehenswürdigkeit Mazedoniens angepriesen wurde. Wir laufen auf unserem Weg abwärts aber darauf zu: Es handelt sich um eine kleine, fast unscheinbare orthodoxe Kirche und vielleicht nicht der Rede wert, auch wenn das alte Gemäuer aus dem 14. Jahrhundert original erhalten ist – wäre sie nicht an einem so malerischen Ort gelegen, dass es schon fast kitschig ist.

Umgeben von einem kleinen Garten steht die Sv. Jovan Kaneo Kirche auf einem Felsvorsprung und thront dort über dem Ohrid-See. Während wir der Pracht dieses Ortes vielleicht nach unserer Faszination über die Sv. Kliment Kirche nicht ganz gerecht werden, übertönen sich die Reisenden einer japanischen Gruppe in ihren Begeisterungsrufen. Wir haben uns nach bald drei Stunden Spaziergang nun an alten Gemäuern in Ohrid erst einmal satt gesehen und schlendern am Ufer, vorbei an der Bar „Potpes“, zurück zum Hafen der Stadt und dann zu unserem Auto.

Das Ufer des Ohridsees ist ganz fantastisch. Um diese Jahreszeit ist das Wasser gerade warm genug um die Fuß- oder Fingerspitzen einzutauchen und statt zu schwimmen setzen wir uns auf die warmen Kiesel am Strand in die Sonne, bewundern den glasklaren See und lassen Steine über das spiegelglatte Wasser springen.

Am Ufer entlang Richtung Sv. Naum

Ohrid ist im März zum Glück noch nicht sehr touristisch (die unzähligen Souvenierläden in der Innenstadt lassen jedoch Schlüsse auf den Trubel im Sommer zu), sodass ein Spaziergang durch die Stadt sehr entspannend ist. Für noch mehr Entspannung wählen wir zum Schlafen für eine ruhige Nacht ein Gasthaus abseits der Stadt.

Von Ohrid führt eine schmale Straße bis an den Zipfel des Sees knapp vor die albanische Grenze zu dem Kloster Sv. Naum. Auf dem Weg dorthin reihen sich zahlreiche kleine Ortschaften. In einem dieser Orte, Elsani, ein kleines Minidorf, das in die Berge gebaut ist, hatten wir uns auf Empfehlung des Reiseführers „Ristos Gasthaus“ ausgeguckt. Als wir über Schotterwege nach oben ächzen, schauen uns die alten Menschen am Straßenrand skeptisch und nahezu grimmig an. Nach einigen waghalsigen Wendemanövern – wir sehen unseren Spark mehrmals fast den Schotter herunterrutschen und im See landen – stehen wir letztendlich am Gasthaus vor verschlossenen Türen: Nebensaison. Eine der skeptisch schauenden Frauen entpuppt sich als überaus hilfsbereit und animiert die ganze Nachbarschaft, ehe ich etwas dagegen tun kann. Mit viel Kopfschütteln, Händewedeln und mazedonischen Brocken kann ich verhindern, dass die Wirtin des Gasthauses aus Ohrid herbestellt wird. Abseits der Szene steht ein Esel und kaut entspannt auf seinem Heu herum.

In der letzten Sonne des Tages machen wir wieder kehrt und fahren eine Ortschaft weiter nach Lagadin in das Robinson Sunset House.

Home away from Home: Zu Gast im Robinson Sunset House[2]

Hier wird im Abendrot Rakija destilliert

Wir werden von vier Männern und einer Frau in Empfang genommen, die vor dem Tor des Gasthauses um einen Ofen herumstehen und Rakija herstellen. Ehe wir uns versehen, haben wir Gläser mit dem frisch destillierten Obstbrand in der Hand. Wir sind beide keine großen Alkoholkenner, aber dass dieser Tropfen doch eindeutig von hoher Qualität – und eindeutig hochprozentig – ist, das entgeht auch uns nicht. Gerade noch rechtzeitig weise ich meinen Freund darauf hin, dass man Rakija keineswegs in einem Schluck trinkt, sondern Schlückchen für Schlückchen genießt. Als wir die letzten Schlucken trinken, baut einer der Männer eine Feuerstelle aus zwei Backsteinen und Glut aus dem Rakija-Ofen und brät am Spieß hausgemachte Bratwurst. Die ganze Szene findet vor einer atemberaubenden Kulisse statt und wir denken uns wie schön das Leben ist, ehe wir in unser Zimmer geführt werden. Die Inhaber des Gasthauses haben alle Gebäude selbst gebaut und unser Zimmer ist ein Beispiel wunderbarer Zimmermannskunst. Bevor wir unter massiven Holzbalken in unser bequemes Bett fallen, werfen wir noch einen Blick auf den See über dem ein schwarzer Himmel voller Sterne ruht. Entspannung pur.

Am nächsten Morgen wachen wir früher auf als geplant. Vom Hof schallen Balkan-Beats und hallen in den Bergen ein kleines bisschen wieder, die Morgensonne schiebt sich vorsichtig über die Gipfel der Galicica-Berge.  Die Luft ist frisch und klar, die frühen Vögel zwitschern und der Rakija wird ein zweites Mal destilliert, um noch feiner zu schmecken. Wir lehnen einen Drink zum Frühstück höflich ab und verabschieden uns, bis zum nächsten Mal. Für heute stehen gleich zwei Nationalparks auf dem Programm.

 Weiter geht’s

Nach einem kleinen Tankabstecher nach Ohrid – wir wollen auf keinen Fall mit einem leeren Tank im Nationalpark stranden – fahren wir zum inzwischen fünften Mal die Seestraße entlang, an deren malerischen Umgebung wir uns nicht satt sehen können. Die Sonne steht inzwischen hoch genug um auf das Schilf am Ufer zu strahlen, sodass es golden scheint. Die Gipfel auf der anderen Seite des Sees sind noch in diesigen Nebel gehüllt. Wir legen einen kleinen Stopp bei Michov Grad ein.

Michov Grad

Das Museum ist eine Rekonstruktion einer prähistorischen Pfahlsiedlung aus der späten Bronzezeit. Ein Taucher hatte vor einigen Jahren Fundstücke und Pfahlreste gefunden, die in die Rekonstruktion verbaut sind. Zu dem Museum führt ein kleiner Weg, der von blühenden Bäumen gesäumt ist und die entzückende Siedlung fügt sich ganz fantastisch in die kleinen Dörfer um zu ein. Um halb neun erreichen wir dann die Abbiegung, auf die wir uns seit dem Aufwachen gefreut haben: Ein Wegweiser nach Otesevo, ein Dorf, das auf der anderen Seite des Galicica-Gebirges liegt, weist den Weg in das Gebirge.

Nachdem der erste Teil unserer Reise sich damit beschäftigte, zu den Anfängen Mazedoniens zu ziehen, kommt nun der eigentlich Abenteuerteil auf Wegen, die mit öffentlichen Verkehrsmitteln nur schwer erreichbar sind. Zeit für Natur pur. Los geht es also, der Sonne entgegen.

 

Blick von oben auf den Ohrid See aus dem Galicica Nationalpark, 1600m Höhe

Weiter geht’s bald mit dem zweiten Teil unserer Reise: Natur pur!

Ein paar Tipps 

[1] Relax Autovermietung. Online buchen, um 10% Rabatt zu bekommen: https://www.skprental.com/ . Wir haben für unseren Chevrolet Spark für drei Tage 58€ plus ca. 50€ Benzin gezahlt, wobei wir den Tank viel voller zurück gegeben haben, als wir ihn bekommen haben. Wir sind insgesamt fast 700 km gefahren.

[2] Die vielleicht beste Unterbringung bei Ohrid: Robinson Sunset House. 10€ pro Nacht im Dorm bzw. 20€/25€ im Doppelzimmer, mit Blick auf den See und in unglaublich kreativer und freundlicher Atmosphäre. Im Sommer kann man auch mit dem Boot aufs Wasser hinaus, liegt direkt am Rand des Galicica Nationalparks. Am Ortsausgangsschild von Lagadin (von Ohrid kommend) links einen Schotterweg hoch, das Gasthaus ist ausgeschildert. Telefon: +389 75 727 252

In Lagadin gibt es ein Hotel, in dem man teurer als anderswo (aber immer noch billig) sehr gut essen kann. Zu Fuß runter vom Robinson Sunset House und dann rechts.

Es gibt kaum Reiseführer für Mazedonien. Philine von Oppelt ist mit ihrem Reiseführer im Trescher Verlag aber ein sehr guter Guide gelungen. Die 5. aktualisierte Auflage ist noch dazu top-aktuell, erschienen im Januar 2017.

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2 Kommentare

  1. […] der erste Teil unserer Reise sich damit beschäftigte, zu den Anfängen Mazedoniens zu ziehen, folgt nun der eigentlich […]

  2. […] Mazedonien selbst gibt es viele wunderschöne Orte (hier schreibe ich mehr darüber), doch Skopje an sich ist eine sehr skurrile Stadt, die mein Herz nicht […]

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