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Die Vielfalt der ukrainischen Geschichte: Eine Reise nach Kyiv

Bevor ich nach Kyiv[1] reiste, machte ich mir keine Vorstellungen über die Stadt. Nicht, dass ich mir bewusst vorgenommen hatte, ohne Erwartungen zu reisen – die Gelegenheit ergab sich einfach nicht. Bereits in der ersten Stunde jedoch, in der ich nach 19 langen Stunden im Nachtzug von Krakau nach Kyiv meinen großen Rucksack über hügelige Kopfsteinpflasterstraßen unter gold-gelben Bäumen hindurch schleppte, merkte ich, dass ich nicht vorurteilsfrei in dieses große Land gereist war. In meinem Unterbewusstsein schien ich eine genaue Vorstellung (grau? Eine unästhetische Betonwüste? Ich kann es nicht sagen!) der ukrainischen Hauptstadt (gehabt) zu haben – und diese wurde hier zwischen Bahnhof und den nördlich liegenden, alten Stadtvierteln Kyivs nicht bedient.

Die Einwohnerzahl Kyivs wird auf 3 bis 4 Millionen geschätzt, dennoch ist das alte Kyiv, das ohne einen Altstadtkern wie ich es aus polnischen Städten kenne, auskommt, überschaubar und trotz breiter Straßen teils fast beschaulich. Das liegt nicht zuletzt daran, dass viele der alten Straßen nach wie vor mit Kopfstein gepflastert sind und von großen Bäumen gesäumt eine freundliche Atmosphäre ausstrahlen. Diese Bäume, viele davon hohe Kastanien, die als Symbol der Stadt Fassaden, Logos und Emblems zieren, vermögen jedoch kaum, den Lärm der viel zu vielen Autos aufzusaugen, die tagtäglich über das Kopfsteinpflaster brettern und mich doch daran erinnern, dass ich in einer Millionenstadt spaziere.

Daran erinnern auch die zahlreichen modernen Hochhäuser, die 30 Stockwerke in der Höhe über fünfstöckigen, bunten Häuserketten aus dem 19. und ganz frühen 20. Jahrhundert thronen und, wie eine Freundin es dystopisch formuliert, die langsame Zerstörung Kyivs ankündigen. Die hohen Gebäude zerstören nicht nur das Stadtbild der historischen Stadt, in der sich für jede europäische architektonische Strömung der letzten Jahrhunderte Bauwerke finden lassen, sondern sind oftmals ohne offizielle Baugenehmigung errichtet ein in die Wolken ragendes Beispiel für die grassierende Korruption und informelle Praktiken, die die Ukraine nach wie vor fest im Griff haben.

Für die unbedarfte Besucherin wie mich sind jedoch auch sie Teil der (architektonischen) Vielfalt der ukrainischen Hauptstadt, in der barocke Kirchen, Jugendstilfassaden und ornamentreiche Balkongeländer vor verstuckten Wänden, klassizistische Gebäude und einige mittelalterliche Überreste der Kiewer Rus daran erinnern, dass Kyiv als Hauptstadt der unabhängigen Ukraine auf eine lange und vielfältige Geschichte gelöst der sowjetischen Geschichtserzählung blickt.

Tatsächlich wurde der Grundstein Kyivs wohl bereits im 6. Jahrhundert gelegt und im 9. Jahrhundert wurde sie zur Hauptstadt der Kiewer Rus, einhergehend mit der – sicher nicht ganz freiwilligen – Taufe der Kyiver*innen durch Wladimir den Ersten. Ihm haben wir somit den Beginn des Baus zahlreicher Kirchen mit charakteristisch (goldenen) Kuppeldächern zu verdanken, die verführerisch in der warmen Herbstsonne strahlen, als ich bewundernd an ihnen vorbei schlendere. Viele dieser Kirchen wurden unter der Sowjetherrschaft, die keine Religion, keine Ideologie neben der eigenen, kennen wollte, zerstört und nach der Unabhängigkeit der Ukraine im Jahr 1991 originalgetreu wieder errichtet. Besonders eindrücklich habe ich dabei das St. Michaels-Kloster in Erinnerung behalten, das in den 30er-Jahren gesprengt und in den 90er-Jahren inklusive der opulenten Goldausstattung im Innern rekonstruiert wurde. In der ganzen Stadt, deren gegenwärtiges Stadtbild im Allgemeinen von Baukränen geprägt ist, wird eifrig an neuen (alten) Kirchen gebaut. Ebenfalls neu errichtet wurde die 1941 von den deutschen nationalsozialistischen Besatzern gesprengte Kirche im Komplex des Kiewer Höhlenklosters, das als älteste Religionsstätte des Landes den Ehrentitel „Lawra“ trägt.

Ein touristisches Highlight der Lawra-Besichtigung ist angeblich der Besuch der Höhlen des Klosters, wo viele Meter unter der Erde zahlreiche Mönche ihre letzte Ruhestätte gefunden haben (fraglich, wie ruhig es zwischen den Besucher*innen ist, die täglich im Schein dicker Kerzen entlang der mumifizierten Ordensbrüder schreiten). Ich bin kein Fan von Kellergewölben, Höhlen und allem, was entfernt an Halloween erinnert und sparte mir den Besuch. Stattdessen kletterte ich lieber auf den Glockenturm des Klosters, um den Blick auf das weitläufige Klostergelände, den Fluss Dnipro und die im Dunst verschwindende „Schlafstadt“ – irgendwo müssen die Millionen ja leben, die im „alten Kyiv“ arbeiten – auf der anderen Flussseite zu genießen.

Mitten im Fluss liegt eine Insel, die zu aktiven Hobbies, Spaziergängen und Familienausflügen einlädt. Dorthin führt für Fußgänger*innen die Parkovy-Brücke, angeblich eine Instagram-Hotspot für Ukrainerinnen…

Meiner Meinung nach ein Muss bei dem Besuch der Lawra (und auch unabhängig davon) ist ein Abstecher zu der nur wenige Gehminuten entfernt liegenden Gedenkstätte an die Opfer des Holodomor (ukrainisch für „Tötung durch Hunger“). Der Holodomor bezeichnet eine schwere Hungersnot in den Jahren 1931-1933 im Zuge der erzwungenen Kollektivierung derjenigen Bauerngemeinschaften, die der freiwilligen Vergemeinschaftung nach Angliederung an die Sowjetunion nicht nachgekommen waren. 4 Millionen Menschen starben im Zuge dieser Hungersnot, die, durch eine Dürre bedingt, durch die rabiate Abgabenpolitik der Sowjetunion – die Ukraine war jeher die Kornkammer der Sowjetunion gewesen – katastrophale Ausmaße annahm. Über den Holodomor informiert unter dem Denkmal für die Opfer eine kleine, interaktive Ausstellung, die vor Kurzem auch ins Englische übersetzt wurde. Außerdem wird hier dafür gekämpft, den Holodomor als Völkermord anzuerkennen, was jedoch international stark umstritten ist. Das Europaparlament hat ihn stattdessen als Verbrechen gegen die Menschlichkeit eingestuft.

Überhaupt spielt natürlich – auch wenn zunächst Kirchenkuppeln und Cafés in pastellfarbenen Häusern in einigen Straßenzügen nicht sofort davon zeugen – die Sowjetzeit eine elementare Rolle in der Geschichte Kyivs. Um mir die Sowjetseite der Stadt zeigen zu lassen, entschied ich mich für eine Free Walking Tour[2], von denen hier in Kyiv zahlreiche angeboten werden. Ich bin ein großer Fan dieser Free Walking Tours, vor allem, wenn sie dem ursprünglichen Motto – von Locals für neugierige Reisende – treu bleiben und ärgere mich immer häufiger über Tourist*innen, die ihr Geld zwar in teure Hotels und Restaurants investieren, aber dann beim Trinkgeld für engagierte Guides, die abgesehen davon oft kein Einkommen haben, knapsen. Das nur am Rande – zurück zur Sowjetukraine.

Als die Ukraine in den 1920ern Teil der Sowjetunion wurde, war Kyiv noch nicht sofort die Hauptstadt der „Ukrainischen Sozialistischen Sowjetrepublik“. Das änderte sich erst 1934 und schnell bekam die Kyiver Stadtbevölkerung die Repressalien des neuen Regimes zu spüren, die sich u.a. in der systematischen Verfolgung und Ermordung der ukrainischen Bildungselite und der Zerstörung zahlreicher historischer Bauten, insbesondere von Kirchen, ausdrückte. Im sowjetischen Stil wurden imposante neue Gebäude errichtet, zunächst im konstruktivistischen, später im stalinistisch-klassizistischen oder brutalistischen Design. Heute blicken viele Kyiver*innen zähneknirschend auf überdimensionierte Regierungsgebäude und Bauwerke mit nicht enden wollenden Säulen, unter denen das Individuum sich klein und unbedeutend fühlt. Im Herzen Kyivs beispielsweise lädt der Chreschtschatyk, eine Hauptverkehrsstraße der Stadt, dazu ein, klassizistische Architektur zu bewundern – am Wochenende sogar auf einer verkehrsberuhigten Straße. Nachdem dieser Teil der Stadt durch den russischen Bürgerkrieg und den 2. Weltkrieg zu Beginn der 20. Jahrhunderts  großteilig zerstört wurde, orderte Stalin eine neu-Bebauung nach seinem architektonischen Ideal an: Hohe Gebäude, dominante und mächtige Strukturen, in einem einheitlichem und harmonischem Gesamtbild zusammengefügt. Ich verstehe die Ablehnung, die viele Menschen in durch den Sozialismus unterdrückten Staaten gegen Sowjetarchitektur hegen, dennoch lässt sich nicht bestreiten, dass auch die verschiedenen Prägungen sozialistischer Architektur Raum für bewundernswerte Baukunst boten. Dass in Kyiv Sowjetarchitektur einen Teil der vielfältigen Bebauung darstellt, macht die Stadt für mich erlebenswert. Hinter jeder Ecke gibt es etwas zu entdecken und die Straßenzüge machen deutlich, dass Kyiv eine bewegte Geschichte hinter sich hat, die zu ergründen auf jeden Fall lohnt.

Eine spannende Brücke zwischen Sowjetgeschichte und der pro-europäischen Gegenwart des Landes schlägt das „Denkmal der Freundschaft“, wo ein Ende der 70er Jahre errichteter Bogen die Freundschaft zwischen den Völkern – russisch und ukrainisch – symbolisieren sollte. Dass es mit dieser erzwungenen Freundschaft spätestens ab den 2000er-Jahren endgültig vorbei war, zeigen zahlreiche pro-europäische Proteste der Bevölkerung. Das Denkmal wurde dennoch – aus Kostengründen – nicht im Zuge der landesweiten Entkommunisierung entfernt. Stattdessen erklommen eines nachts Aktivist*innen das große Titankonstrukt, um mit einem schwarz-gezeichneten Bruch das endgültige Ende dieser Verbindung zu symbolisieren. Derartig kreativer Protest lässt sich in der ganzen Stadt entdecken und unterstützt die lebendige Ausstrahlung der Stadt.

Gleichzeitig lädt Kyiv in Parks und Cafés zum entspannten Verweilen ein. Ursprünglich hatte ich geplant, ungefähr fünf Tage in Kyiv zu bleiben, verbrachte aber letztendlich fast zwei Wochen dort, ohne der Stadt – oder des Spazierens – müde zu werden. Das hat auch damit zu tun, dass Kyiv eindeutig im Aufbruch ist, dass die (jungen) Menschen in der Stadt nicht stillstehen, dass Veränderung angesagt ist. In Windeseile öffnen und schließen Cafés und Restaurants, immerzu herrscht reges Treiben – unterbrochen nur durch Fotopausen für Social Media – und zwischen schicken und hippen Kyiver*innen fühle ich mich mit meinen Wanderschuhen beständig underdressed. Das hat mich natürlich nicht davon abgehalten, mich trotzdem unter das Volk zu mischen und die Kyiver Gesellschaft genauer unter die Lupe zu nehmen – mit Unterstützung verschiedener ukrainischer Freundinnen und politischen Einrichtungen vor Ort. Ebenso wie es unmöglich ist, Kyiv in einer Woche zu ergründen, ist es jedoch unmöglich, der Stadt in nur einem Blogpost gerecht zu werden. Über Kyiv, eine Stadt im Aufbruch, schreibe ich daher im nächsten Text. 

  


[1] Warum „Kyiv“ und nicht Kiev? Der Deutschlandfunk verrät’s hier

[2] Link zur Walking Tour

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1 Kommentar

  1. Werde dieses Jahr auch Kyivs besuchen und habe dank diesem Bericht so richtig Lust darauf tolle Dinge zu sehen.

    Lg Didi

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